«Aggression ist mit 17 am stärksten»

Beim mutmasslichen Täter handelt es sich um einen 17-jährigen Letten.
Beim mutmasslichen Täter handelt es sich um einen 17-jährigen Letten. © zVg
Ein 17-Jähriger hat am Sonntag in Flums sieben Menschen mit einem Beil attackiert und teilweise schwer verletzt. Ein Psychiater erklärt, weshalb ein Jugendlicher zu einer solchen Tat fähig ist.

Der mutmassliche Täter, ein in Flums wohnhafter Lette, war in der Vergangenheit bereits mit Gewaltfantasien aufgefallen – vorbestraft war er allerdings nicht. Nachdem der 17-jährige Lehrling am Sonntagabend in seiner Wohngemeinde sieben Menschen verletzt hatte, schossen ihn Beamte der Kantonspolizei St.Gallen nieder. Der Jugendliche befindet sich mit schweren Verletzungen im Spital, ist aber ansprechbar. Gegen ihn wird wegen mehrfach versuchter vorsätzlicher Tötung, Mord oder Totschlag und Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz ermittelt.

Was bringt einen Minderjährigen dazu, eine solche Tat zu begehen? Laut Thomas Knecht, Leitender Arzt Forensik beim Psychiatrischen Zentrum des Kantons Appenzell Ausserrhoden, können 17-Jährige ein besonders aggressives Verhalten zeigen.

Herr Knecht, welchen Erklärungsansatz haben Sie als Psychiater für eine solche Tat? 
Der Täter befindet sich in einem sehr kritischen Alter. Weltweit finden in einem Alter zwischen 17 und 18 Jahren die meisten gewalttätigen Übergriffe bei jungen Männern statt. Das hat mit der Hirnreifung zu tun; der stärkste Aggressionstrieb steht der schwächsten Selbstkontrolle gegenüber.

Der mutmassliche Täter ist erst 17 Jahre alt. Passt dies zum Bild eines klassischen Amoktäters? 
Wenn man den Blick in die USA lenkt und sieht, wie alt die «School Shooter» sind, ist 17 plus minus zwei Jahre genau das Durchschnittsalter.

Was sind die Beweggründe von jungen Männern, eine solche Tat zu begehen? Werden sie von Hormonen getrieben?
Auf Distanz ist das schwierig abzuschätzen. Betrachtet man die verschiedenen Fälle, sind aber Gemeinsamkeiten zu erkennen. In diesem Alter legt man ein gewisses Statusstreben an den Tag, man sucht seinen Platz in der Rangordnung. Auf unbefriedigende Resultate in diesem Wettkampf reagieren die Jugendlichen mit Rückzug. Die Isolation, die entsteht, nutzen sie leider, um mit Waffen zu hantieren oder Ego-Shooter-Games zu spielen. Sie denken sich eine Ersatzbefriedigung aus, die sie über die beschämende Erfahrung im Alltag hinwegbringt.

Der mutmassliche Täter fiel bereits zuvor wegen Gewaltfantasien auf, wurde aber als harmlos empfunden. Was könnte in der Zwischenzeit passiert sein?
Die Täter zeigen generell nicht viel von sich. Hin und wieder gibt es aber Einblicke in die Natur ihres Problems. Gewaltfantasien spielen als Warnzeichen häufig eine Rolle. Es kommt auch darauf an, wie schnell die Dynamik Fahrt aufnimmt. Innerhalb weniger Wochen kann das Problem durch kränkende Erlebnisse eine ungeheure Brisanz erreichen.

Es gibt auch Fälle, in denen auffällige Jugendliche aufgefangen werden können.
Es ist wichtig, die verdächtigen Zeichen so früh wie möglich zu entdecken. Man muss die Leute quasi aus dem Verkehr ziehen und versuchen, das Problem gemeinsam zu ergründen. Nicht selten gelingt es, dass sich die anbahnende Fehlentwicklung umbeugen lässt.

Es macht den Anschein, als ob Amok-Phänomene zunehmen. Stimmt das? 
Amokläufe gibt es, seit es Menschen gibt. Es gab schon immer das Muster «Einer gegen Alle», also möglichst viele Menschen in den Tod zu reissen, bevor man selber daran glauben muss. In der heutigen Zeit sind die Menschen häufiger einsam, die tiefen Beziehungen fehlen. Beziehungen werden vermehrt im Internet geführt, wo die Show im Vordergrund steht. Das kann Impulse zu solchen Handlungen geben. Nachahme-Täter sind deshalb nichts Ungewöhnliches.

Interview: Rahel Röthlin


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