Albanien: Emotionen und Schweizer Ausbildung

Kontrahenten am 11. Juni: Albaniens Nationaltrainer Gianni De Biasi (links) und Nati-Coach Vladimir Petkovic
Kontrahenten am 11. Juni: Albaniens Nationaltrainer Gianni De Biasi (links) und Nati-Coach Vladimir Petkovic © KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Überhörbar dürfte das erste EM-Gastspiel Albaniens nicht verlaufen. Der Verband FSHF wird den Höhenflug der albanischen Adler bis zur letzten Sekunde auskosten.

Die sportliche Entwicklung Albaniens ist frappant. 2013 gehörte die Auswahl aus dem Balkanland mit seinen 2,8 Millionen Einwohnern knapp zu den Top 100 des FIFA-Rankings. In der letzten WM-Qualifikations-Kampagne unterlag der Aussenseiter der Schweiz zweimal; ein Fehltritt seitens der SFV-Equipe wäre von den Analysten vor kurzem noch als mittlere Blamage eingeschätzt worden.

Tirana galt im besten Fall als tückischer Hinterhof mit teilweise prekären Begleiterscheinungen. Vor der Herausforderung auf dem Rasen hatten sich die Gäste in der Regel nicht gefürchtet. Durch die verstärkte Zuwanderung motivierter Secondos aus anderen Verbänden veränderte sich das Image grundlegend, der Qualitätsschub ist unübersehbar.

Inzwischen ist das internationale Rating der Südosteuropäer ein ganz anderes. Mit verblüffenden Erfolgen gegen die High Society der Fussball-Branche liessen sie mehrfach aufhorchen. Die beiden 1:0-Siege gegen Frankreich und Portugal dokumentierten die beträchtlichen Fortschritte. Dank einer für ihre Verhältnisse fast perfekten EM-Kampagne überraschte Albanien abermals.

Für Insider kommt der Aufschwung nicht ohne Ankündigung, sondern basiert auf einem soliden Fundament. Hinter der ersten Endrunden-Teilnahme der Verbandsgeschichte steckt ein Konzept. Gianni De Biasi, seit 2011 und damit so lange wie keiner in den letzten drei Dekaden im Amt, hat das Team sorgfältig aufgebaut.

Der Konkurrenz ist das systematische Vorrücken ins vordere Mittelfeld Europas nicht entgangen. “Die Albaner sind deutlich besser als vor ein paar Jahren”, beurteilt der EM-Kontrahent Blerim Dzemaili den albanischen Aufstieg. “Zudem ist De Biasi ein guter Trainer”, lobt er seinen Ex-Chef von Torino.

Amir Abrashi, während Jahren im Schweizer Junioren-System verwurzelt, nun aber in den kommenden EM-Wochen der energische Antreiber im albanischen Mittelfeld, schwärmt vom “Projekt, das wir in den letzten drei Jahren zusammen und aus Überzeugung aufgebaut haben”. Der Freiburger Bundesliga-Aufsteiger spricht von einem “enormen Zusammenhalt”.

Einen ähnlichen Weg wie Abrashi haben viele Albaner hinter sich. Elf Spieler aus dem 23-Mann-Kader wurden im Schweizer Klub-Fussball ausgebildet. Abrashi, Arlind Ajeti, Frédéric Veseli, Migjen Basha, Shkelzen Gashi und Taulant Xhaka kommen zusammen auf 46 Einsätze mit der U21-Equipe des SFV – Veseli hat die Schweizer U17 2009 als Captain zum WM-Titelgewinn geführt.

Trotz ihrer erheblichen Super-League-Einflüsse betonen die Shqiponjat, die Adler, mit jedem Flügelschlag ihre Verbundenheit zur Heimat der Eltern. “Alle haben albanische Wurzeln, das schweisst zusammen, das verbindet”, sagt beispielsweise Abrashi über die Ballkünstler-Diaspora.

In der Kabine gibt es keine offizielle Amtssprache. Die einen verständigen sich auf deutsch, andere sprechen perfekt italienisch. Englisch wird ebenfalls gesprochen, albanisch natürlich auch. In der nonverbalen Kommunikation tritt der EM-Debütant indes geeint auf: Passion ohne Ende, pure Kampfbereitschaft.

Gelingt es, die Emotionen im richtigen Moment auf ein sinnvolles Mass zu beschränken, ist mit dem Neuling unter Umständen zu rechnen. Die Erwartungshaltung ist in Relation zur Euphorie gering, der Stolz auf den Auftritt im grellen Rampenlicht überwiegt alles – und trotzdem: Die spielerische Reichweite der taktisch gut geschulten Akteure ist nicht zu unterschätzen.

(SDA)


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