“Alle anderen Kirchen sind Sekten”

Von Lara Abderhalden
Dies ist der Leitspruch der Gemeinde.
Dies ist der Leitspruch der Gemeinde. © Lara Abderhalden
Adullam will die Welt verbessern und steckt dafür Frauen in Röcke, findet Homosexuelle grauenhaft und bezeichnet alle anderen Religionen als Sekten. Ein Besuch in einer abgeschotteten Welt ohne Alkohol und Facebook, dafür mit Enthaltsamkeit als Lustgewinn.

“Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich”, dieser Spruch prangt gross an der Wand der Andachtsstube im Adullam, wo Werner Arn, das Zepter in der Hand hat. “Die Bibel ist die einzige Wahrheit”, sagt er mir und “du hast die Aufgabe, das der Welt zu offenbaren”. “Okay”, antworte ich und setzte mich neben den “Diener der Gemeinde”, wie er sich selbst nennt.

 

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Zuerst einmal will ich wissen, was er hier treibe? Fernab von der Zivilisation in einem riesigen “Palast” voll vergoldeten Kronleuchtern, einem grossen Garten und Unmengen von Schafen, Hasen und Vieh, an der Grenze von Wattwil, im Toggenburg.

Seine Antwort ist ausschweifend, kurz zusammengefasst gehe es aber vor allem um eines: “Dies ist ein Schutzort, eine Zuflucht”, sagt der Mann in Krawatte und Schale. “Ich nehme Leute auf, die Hilfe brauchen.” Eines legt er mir schon ganz am Anfang ans Herz: “Wir sind keine Sekte!” Dies sei weder eine Organisation noch habe er irgendwelche Mitglieder. Jeder, der hierher komme, tue dies freiwillig und kann dieses Haus jederzeit wieder verlassen.

 

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Hier wird gegessen

Sekte ja oder nein?

Als Sekte bezeichnet er diejenigen, die etwas aus der Bibel hervorheben oder etwas hinzufügen. Dies täte man hier nicht. Die Bibel als einzige Wahrheit werde vertreten. Denn die Bibel liefere Informationen. Die Medien, das Fernsehen, Ungläubige jedoch würden diese Welt nur manipulieren.

Er spricht gar von der katholischen Kirche als Sekte: “Von der Bibel her, ist die katholische Kirche eine der grössten Sekten, die ganz viele Sachen hinzudichtet”, so sei das Zölibat, also das Leben eines Priesters ohne Frau, etwas, dass die katholische Kirche nicht aus der Bibel hat. Darum seien Menschen, die das Zölibat leben, streng genommen in einer Sekte.

Auch das ganze Papsttum sei eine Erfindung der katholischen Kirche. Werner Arn bezeichnet alle Katholiken und auch die evangelische Kirche als “ungläubig”. Auch die Hindu, die Buddhisten oder die Juden seien alles “Ungläubige”, die er bekehren und eines Besseren belehren will.

 

Dies ist der Ort, an dem gebetet wird.

Dies ist der Ort, an dem gebetet wird.

Die Frauen dürfen keine Hosen tragen

Obwohl bei Werner Arn die “Offenheit” und auch die “Liebe” gross geschrieben werden, ja, er erwähnt ein paar Mal, dass er “die ganze Welt liebt”, hat er Massstäbe. Einschränkungen würde ich sagen, er nennt es “Leitplanken”. Wer nämlich so lebt, wie Werner Arn, der muss sich an einige Dinge halten.

“Die Bibel zeigt uns, dass es zwischen Frau und Mann einen Unterschied gibt”, und dies müsse klar ersichtlich sein. “Die Bibel macht einem zu einer Frau oder einem Mann und dies geht bis in die Kleidung.” So tragen “Anhängerinnen”, oder wie Werner Arn es nennt “richtige Christinnen”, keine Hosen sondern nur Röcke. Sogar die Frisur sei vorgegeben: “Es freut mich, dass sie so schönes, langes Haar haben”, sagt er mir lächelnd, “weil in der Bibel steht, dass ein Mann kurzes Haar tragen muss und eine Frau langes”. Auch bezüglich der Geschlechtermischung hat er klare Vorstellungen: “Wir werden schon im Kindergarten verführt”, schon da würden Geschlechter vermischt, manchmal erkenne man kaum, ob es sich bei dem Kind um ein Mädchen oder einen Knaben handle. Dies könne nicht sein.

Deshalb kritisiert er auch die Homosexualität: “Gott sagt, dass es ein Gräuel ist, wenn ein Mann mit einem anderen Mann Schande, Sexualität, treibt.”  Er sagt, dass heute “dieser ganze Dreck” geduldet werde: “Es ist heute sogar gefährlich, wenn ich die Bibel vertrete, weil ich in der Zeitung verleumdet werde, ich sei ein Schwulenhasser.” Dabei vertrete er nur die Bibel und diese sehe die Homosexualität als Gräuel. Er sagt, dass “die Homosexuellen in grosser Not” leben würden.

Wie aus dem Säufer ein Frommer wurde

In grosser Not habe auch Werner Arn früher gelebt: “Ich war der Hurerei verfallen, ein Säufer und habe geraucht.” Erst mit 26 Jahren habe “Gott an seine Türe geklopft”. Nun sei er frei von all diesen Sünden. Früher sei er oft gereist, er habe Musik gemacht, war gar Leiter eines Gospelchors. Er habe geraucht, verschiedene Freundinnen gehabt und oft und viel Alkohol getrunken: “Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht glücklich bin”, er sei jeden Morgen mit einem leeren Kopf aufgewacht. Der Kummer sei zwar für eine Nacht verflogen gewesen, spätestens am nächsten Morgen kam er jedoch wieder und dazu ein brummender Kopf.

Und genau hier sehe ich das Potential dieser “Gemeinde” und den Grund dafür, warum ich mich fast bekehren liess. Er erzählt den Leuten seine Geschichte, er war selbst “einer von ihnen”. Damit können sich die Bedürftigen identifizieren: “Wir kümmern uns um die Verstossenen, um die, die niemand will”, denn diese seien auch besonders empfänglich für die Bibel. Ist es darum gerechtfertigt, ein strenges Leben nach der Bibel zu führen?

 

Werner Arn verteilt Bibeln in allen Sprachen auf der ganzen Welt.

Werner Arn verteilt Bibeln in allen Sprachen auf der ganzen Welt.

Geld kommt von Gott

Im “rechtfertigen” ist Werner Arn gut. Er hat für alles eine Antwort. Oder besser gesagt, die Bibel hat für alles eine Antwort auch für Finanzielles. Wie kann er sich dieses Haus, all die Reisen, die Angestellten, die Einrichtung leisten? Er antwortet: “Das ist eine ganz schöne Frage”, er habe gedacht, dass diese komme. “Gott versorgt uns durch einen freien Freundeskreis.”  Ich glaube, mein Gesichtsausdruck zeigt Skepsis, auf jeden Fall fügt er sogleich hinzu: “Natürlich fällt das Geld nicht vom Himmel”, Angehörige von Personen, die die Gemeinde aufnimmt, würden oft einen Bazen beisteuern. Er nennt als Beispiel eine Frau, die sich das Leben nehmen wollte, sei zu ihnen gekommen: “Innerhalb nur weniger Tage ging es der Frau viel besser, die Frau war geheilt. Als Dank haben uns die Eltern gefragt, wie sie das nun wieder gut machen können.” Noch nie habe die Gemeinde gebettelt, noch nie hätten sie Geld gesammelt.

 

Das "Adullam" von aussen.

Das “Adullam” von aussen.

Hunderte von “Anhängern”

Die selbstmordgefährdete Frau sei kein Einzelfall. In die Gemeinde würden viele kommen, die in der Not sind: “Wir haben psychisch Kranke, Suizidgefährdete, Drogenabhängige oder sonstige Randständige.” Für diese Leute würde das “Adullam” eine Zuflucht darstellen. Wohnen kann man im “Adullam” umsonst. Zumindest diejenigen, die es sich nicht leisten können. “Man muss sich das Leben hier so vorstellen: Wir sind Altersheim, Missionshaus und ein Schutzort zugleich.” Es gebe Menschen, die hierher kämen und bis zu ihrem Tod bleiben. Es gibt mehrere Gottesdienste unter der Woche und einen grossen Gottesdienst am Wochenende: “Zu diesem kommen jeweils bis zu 200 Leute”, sagt Arn, “von überall aus der Schweiz und dem Ausland.”

 

Das Gebäude wird auch als Altersheim genutzt.

Ein Käse bringt Frieden

Arns Art zu leben, stösst nicht überall auf offene Ohren. Wie geht er mit der Kritik, die von allen Seiten kommt, um: “Ich liebe den Feind”, sagt er. Er sei keiner, der den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben hätten. Seinen sieben Kindern habe er nie vorgeschrieben, dieses Leben zu leben. Alle hätten studiert und würden nun ihre eigenen Wege gehen. Er habe seine Kinder nie gezwungen, mitzumachen.

Auf die Kritik der katholischen Kirche geht er gar nicht erst ein: “Die Kirchen werfen mir vor, dass dies eine Sekte sei. Dieser Vorwurf wird von denen gemacht, die selber eine Sekte sind. Damit sie sich rechtfertigen können, weil sie Angst haben, die Leute könnten aus ihrer ‘Sekte’ gehen und zur ‘einzigen Wahrheit’ übertreten.”

Auch in der Nachbarschaft habe man ihn gemieden. “Ein Nachbar hat mir nicht mehr ‘Grüezi’ gesagt, er hat mich nicht mal mehr angeschaut. Trotzdem habe ich ihn jeden morgen gegrüsst”, durch seine Liebe habe er ihn schliesslich akzeptiert: “Eines Tages habe ich ihm einen Käse vorbeigebracht, von diesem Zeitpunkt an haben wir uns vertragen.”

Kann man ein solch strenges Leben nach der Bibel führen? Habe ich gerade etwas Gutes erlebt? Beinahe hätte er es geschafft, mich zu bekehren. Doch wie kann jemand die Liebe und Offenheit anprangern und so im Verborgenen leben? Alle Entwicklungen ignorieren und einen solch altertümlichen Lebensstil führen? Die Einrichtung mag Bedürftigen helfen, ich sehe sie trotzdem kritisch. Und die Bibel als “einzige Wahrheit” zu predigen ist nicht meine Aufgabe.

(abl)

 


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