Andrea Faziolis Kriminalomane beleuchten Schattenseiten des Tessins

Der Krimiautor Andrea Fazioli beleuchtet Schattenseiten des Tessins.
Der Krimiautor Andrea Fazioli beleuchtet Schattenseiten des Tessins. © Andrea Fazioli
Obschon ins Deutsche übersetzt, sind die Kriminalromane des Tessiner Autors Andrea Fazioli im deutschsprachigen Raum nur eingefleischten Krimifans bekannt. Er leuchtet dunkle Seiten seines Heimatkantons aus.

Die Handlungsabläufe von Andrea Faziolis Romanen und Geschichten sind oft so unwahrscheinlich, dass sie schon wieder wahr sein könnten. Da wird der Detektiv Elia Contini in «Die letzte Nacht» («Come rapinare una Banca Svizzera») von einem alten Freund in einen Bankraub hineingezogen, um dessen Tochter zu retten, die von gewalttätigen Schuldeneintreibern entführt wurde. Auch ein ganz normales bürgerliches Bellinzoneser Ehepaar schliesst sich aus Sympathie der Bankräuberbande an.

Plötzlich kommen der damalige Bürgermeister und ein Ingenieur gewaltsam ums Leben. Persönlich betroffen ist auch Elia Contini: Sein Elternhaus verschwand damals im See, und seitdem ist sein Vater spurlos verschwunden. Die Suche nach dem Mörder ist untrennbar mit der Suche nach dem Vater verbunden. Dabei gerät Contini selber unter Verdacht und in Lebensgefahr.

Manchen Lesenden erscheinen Faziolis Romane wegen der Vielzahl ihrer Handlungsstränge verwirrlich – andere schätzen gerade das an ihnen. So wie im Roman «Das Verschwinden» («La Sparizione»), in dem es um Verrat durch vermeintlich wohlmeinende Kollegen geht und Contini sich um ein Mädchen kümmern muss , das durch eine posttraumatische Belastungsstörung Sprache und Gedächtnis verloren hat.

Elia Contini ist wie alle Detektive ein Eigenbrötler. Menschenscheu wie er ist, zieht er sich zur Erholung von seinen komplizierten, fordernden Fällen in sein Häuschen in den Tessiner Bergen zurück.

Seine zweite Leidenschaft neben dem Aufdecken von Kriminalfällen gilt wildlebenden Füchsen, deren Verhalten er akribisch studiert und sie dann fotografiert. Sein bester Freund und Ratgeber ist der Einsiedler Giona hoch oben in den Bergen, dessen literarisch-philosophische Sprache ihn jedoch manchmal fast zur Verzweiflung bringt.

Und dann gibt es noch die schöne Francesca, die im Gegensatz zu Contini urbanes Leben bevorzugt, aber, wie Andrea Fazioli sie einmal sagen lässt, in ihrem kauzigen Freund Elia eine Heimat gefunden hat wie bei sonst noch niemandem. Sie wird meist nicht ganz freiwillig in seine Fälle hineingezogen, gerät oft in Gefahr, was wiederum Contini bewusst macht, wie viel sie ihm bedeutet. Etwas, das er als auf seine Unabhängigkeit pochender Mann gerne verdrängt.

Bei einem sonntäglichen Spaziergang durch den Parco Cedri in Bellinzona erinnert sich Andrea Fazioli an seine Anfänge als Schriftsteller. «Meine Schulfreunde und ich erzählten uns auf dem Schulweg Fortsetzungsgeschichten, die wir selber erfunden hatten. Die anderen mochten meine Geschichten – vom Erzählen bis zum Schreiben war es nur noch ein kleiner Schritt.»

Unter den mächtigen Zypressen, Buchen und Eichen des Parco Cedri fallen Fazioli Ideen zu. Oder im Zug, auf Reisen – Einfälle hat er jedenfalls immer, wenn er in Bewegung ist. «Schreiben jedoch kann ich am besten zuhause am gewohnten Ort, zum Schreiben braucht es die Kontemplation.»

Der 39-jährige Fazioli studierte in Mailand und Zürich Romanistik bevor er ins Tessin zurückkehrte, wo er seither unter anderem für das Radio und Fernsehen italienischer Sprache arbeitet. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Bellinzona.

Wie sein Detektiv Contini zieht er sich gerne in die Natur und die Tessiner Berge zurück, um aufzutanken. Sein Alltag fliesst in seine Geschichten mit ein. «Meine Figuren haben natürlich Stärken und Schwächen, die mich auch kennzeichnen. Sie altern mit mir, machen Entwicklungen durch, die auch ich kenne.»

Doch seine Figuren haben gegenüber ihm einen grossen Vorteil: «Ich kann das Drama, das sich um sie herum abspielt, anpassen, das heisst ich kann es ändern, wenn es zu ihnen nicht passt. Im wirklichen Leben ist das anders. Es ist nicht so rücksichtsvoll.»

Verfasserin: Barbara Hofmann, sfd

(SDA)


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