Angst statt Aufbruch: Vorolympische Katerstimmung am Zuckerhut

Fast 85'000 Sicherheitskräfte werden während der Sommerspiele in Rio im Einsatz stehen (auf dem Bild Polizisten in der Nähe der Copacabana)
Fast 85'000 Sicherheitskräfte werden während der Sommerspiele in Rio im Einsatz stehen (auf dem Bild Polizisten in der Nähe der Copacabana) © KEYSTONE/EPA EFE/FERNANDO MAIA
Wachsende Terrorangst, unfertige U-Bahn-Linie, das grassierende Zika-Virus: Gut eine Woche vor der Eröffnungsfeier der Sommerspiele in Rio de Janeiro herrscht alles andere als Feststimmung. Angst statt Aufbruch dominiert in den Tagen vor dem weltweit grössten Sportevent des Jahres am Zuckerhut.

Zahlreiche Polizisten protestierten Anfang Juli zum wiederholten Mal wegen der prekären Sicherheitslage und ausstehender Gehälter. Am internationalen Flughafen begrüssten sie die Touristen mit Transparenten. Die Aufschrift: “Willkommen in der Hölle!”

Das ist nicht das Bild, das sich die Organisatoren und die teils euphorischen Anhänger der Sommerspiele wünschten, als die südamerikanische Kandidatur im Oktober 2009 die IOC-Mitglieder am meisten überzeugte. Olympia sollte für neuen Schwung sorgen – nicht nur an der Copacabana, sondern in ganz Brasilien. Als Prestigeprojekt geboren, hat sich der Event in den vergangenen Monaten aber immer mehr als Sorgenkind entpuppt.

Ein Symbol hierfür ist die eigens für die Spiele gebaute Metro-Linie. Sie sorgt verschiedentlich für Unmut. Zum einen werden Rios Pendler vorderhand nicht von der neuen Transportinfrastruktur profitieren können: Einlass erhalten nur Olympia-Besucher. Doch auch das ist unsicher. Die Bauarbeiten harzen.

Für Beobachter vor Ort ist es nicht realistisch, die neue Zugverbindung termingerecht ihrer Bestimmung übergeben zu können. Die Folge wäre ein Verkehrschaos. Optimistischer ist das IOC. Es geht davon aus, dass die neue U-Bahn-Linie am 1. August, vier Tage vor dem Beginn der Spiele, den Betrieb aufnehmen wird.

Auch die Gesundheit der Athleten, normalerweise eine fast selbstverständliche Sache, sorgt für Diskussionen. Zwar finden die Segelregatten vor spektakulärer Kulisse statt. Doch die Realität vor Ort sieht düster aus. Schon während der Trainingsfahrten im vergangenen Sommer beklagten sich Athleten bitterlich über das verseuchte Wasser in der Bucht von Guanabara – ungeklärte Abwässer inklusive. Dieses Problem ist ungelöst, trotz anderslautender Versprechen bei der Olympia-Bewerbung.

Das wohl grösste Problem im Vorfeld der Spiele ist jedoch nicht hausgemacht. Das seit Monaten grassierende Zika-Virus besorgt viele. Zahlreiche Sportler, unter ihnen die halbe Weltelite der Golfer, haben in den vergangenen Wochen ihren Verzicht auf Olympia verkündet – aus Angst, sich mit dem vor allem für Schwangere gefährlichen Virus anzustecken.

Eine Zeit lang forderte die Weltgesundheitsorganisation sogar, die Spiele zu verschieben, damit das Virus sich nicht weiter ausbreiten könne. Inzwischen schätzen Experten die Lage in Rio de Janeiro als nicht allzu bedrohlich ein, weil dort im August Trockenzeit herrscht und es weniger Moskitos gibt. Das gilt jedoch nicht für den Norden und Nordosten Brasiliens.

In Rio hat das Tourismus-Sekretariat dazu aufgerufen, während der Spiele Besuche in den Armenvierteln zu vermeiden. Die Angst ist gross, dass sich Zika doch weiter ausbreiten könnte. Dies in einer Zeit, in der die öffentlichen Spitäler eh schon am Anschlag sind. Es fehlt an vielem, oft müssen chirurgische Eingriffe gestoppt werden.

Die Behörden kommen trotz allem zum Schluss: Die Sicherheit während den Olympischen Spielen sei voll gewährleistet. Es gilt jedoch die höchste Alarmbereitschaft. Durch den Anschlag in Nizza ist die Terrorangst in der Bevölkerung erneut gewachsen. Wiederholte Bombenalarme in Rios Innenstadt zeugen davon. Bislang stellten sich glücklicherweise alle als falsch heraus.

Fast 85’000 Sicherheitskräfte werden während der Spiele im Einsatz stehen. Unter ihnen sind auch mehr als 20’000 Soldaten, die für den Ernstfall trainiert worden sind. Beispielsweise wurde das Szenario eines Bombenanschlags an einer der Austragungsstätten durchgespielt.

Der brasilianische Verteidigungsminister Raul Jungmann spricht starke Worte: “Wir wissen uns zu verteidigen. Und wenn uns jemand herausfordert, werden wir unermüdlich und unerbittlich zurückschlagen.” Hinweise, dass der sportliche Grossanlass eine Zielscheibe für Terroristen werden könnte, gibt es verschiedene, auch wenn die Behörden dies offiziell abstreiten.

Das reale und unmittelbare Sicherheitsproblem von Rio ist aber die demotivierte Polizei. Ohne Lohn wird sich das kaum ändern – auch nicht, wenn die Olympischen Spiele längst vorbei sind. Immerhin: Die Regierung hat die Tagessätze für Beamte im Einsatz für die Sicherheit in Rio de Janeiro während der Spiele um 150 Prozent erhöht.

(SDA)


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