Das erfolgreiche Schweinchen

Von David Scarano
Carlo Ancelotti ist neuer Bayern-Trainer.
Carlo Ancelotti ist neuer Bayern-Trainer. © Serrano Arce/Getty Images)
Carlo Ancelotti ist einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. In Italien, Spanien, England und Frankreich holte er reihenweise Titel, nun strebt der 56-Jährige weitere mit Bayern München an.

In Italien waren sich Experten bereits seit Monaten sicher: Carlo Ancelotti gönnt sich ein Jahr Pause und übernimmt auf die neue Saison hin den FC Bayern München. Seit Sonntag wissen es nun auch die Nicht-Gazzetta-Leser: Die Bayern-Vereinsleitung gab offiziell bekannt, dass der 56-Jährige auf Pep Guardiola folgt, der seinen Vertrag nach drei Jahren nicht mehr verlängert.

Den Spanier zieht es nach Manchester: Alles deutet darauf hin, dass er zu City geht. Bei United wackelt nach einer Serie von Misserfolgen der Stuhl von Van Gaal zwar ebenfalls, doch Experten rechnen mit einem Engagement von José Mourinho. Der kürzlich bei Chelsea entlassene Portugiese steht bei ManU-Übervater Sir Alex Ferguson seit jeher hoch im Kurs.

Krieg mit Juve-Fans

Aber zurück zu Ancelotti: Den Mann aus der Provinz von Reggio Emilia zeichnen drei Eigenschaften aus: Er ist (überall) erfolgreich, er ruht in sich selbst und ist allseits beliebt. Bei seinem letzten Arbeitgeber, bei Real Madrid, trauern die Spieler ihm immer noch nach. Einzig sein Engagement als Juve-Trainer verlief untypisch. Trotz zweier zweiten Plätzen in der Meisterschaften musste er den Serienmeister frühzeitig verlassen. Die Ultras verhöhnten den pausbackigen, zur Korpulenz neigenden Ancelotti von Beginn weg als Schwein, das nicht trainieren könne (“Un maiale non puo allenare”). Kein Wunder schreibt er in seiner Autobiografie, dass er Juve nie geliebt habe und möglicherweise nie lieben werde.

Seine ersten Erfolge als Chef-Trainer feierte Carlo Ancelotti beim Serie-B-Club Reggiana, den er in der ersten Saison gleich in die höchste italienische Liga führte. Danach wechselte er zu Parma – und hatte ebenfalls auf Anhieb Erfolg. Er wurde in seinem ersten Jahr Vize-Meister. Nach dem unglücklichen Intermezzo bei Juve übernahm er das Zepter bei der AC Milan. Das Verhältnis zu Besitzer Silvio Berlusconi war nie frei von Spannungen, der Präsident verzieh ihm die angeblichen Sympathien für die Linksparteien nicht und führte ihn regelmässig öffentlich vor. Ancelotti wäre aber nicht Ancelotti, wenn er sich hätte provozieren lassen. Die Erfolge gaben schliesslich ihm Recht. Er holte mit den Rossoneri unter anderem eine Meisterschaft, zwei Champions-League-Titel sowie einen italienischen Pokal.

La Decima mit Real

2009 ging der Erfolgstrainer zu Chelsea. Unter seiner Ägide schaffte der Abramovich-Klub erstmals das Double. In Paris, bei PSG, kam der französische Titel dazu. Sein Glanzstück lieferte er bei Real Madrid ab. Er erlöste die Madrilenen von der jahrzehntelangen Obsession und führte die Königlichen zur Decima, dem zehnten Landesmeistertitel. Ancelotti ist gemeinsam mit Bob Paisley vom FC Liverpool der einzige Trainer, der die Champions League dreimal gewinnen konnte.

Fachleute in ganz Europa sind sich einig, dass Ancelotti bestens zu den jetzigen Bayern passt. Er ist der Anti-Guardiola und Anti-Mourinho in Personalunion. Im Gegensatz zum Katalanen stehen bei ihm die Spieler, nicht das System im Vordergrund. Er gilt als gewiefter Taktiker und grosser Pragmatiker zugleich.

1989: (left to right) Carlo Ancelloti, Frank Rijkaard, Marco Van Basten and Ruud Gullit of AC Milan line up in the wall against Real Madrid during the European Cup semi-final played at the Sansiro stadium in Milan. AC Milan won the match 5-0. Mandatory Credit: Simon Bruty/Allsport

Carlo Ancelotti war auch als Mittelfeldspieler grossartig. Er (Nummer 11) spielte Seite an Seite mit Marco van Basten, Frank Rijkaard und Ruud Gullit bei der AC Milan. © Simon Bruty/Allsport

Der Unterschied zu Mourinho findet sich in der Vergangenheit Ancelottis. Er war als Spieler bereits eine grosse Nummer. Er holte mit Rom die italienische Meisterschaft, zudem war er zentraler Bestandteil der grossartigen AC Milan in den 1980er-Jahren unter Trainer-Revoluzzer Arrigo Sacchi.

Ancelotti muss seine Mannschaften nicht mit psychologischer Kriegsführung in den Wahnsinn treiben, um das Maximum herauszuholen. Er weist eine natürliche Autorität auf und kann es gut mit Starspielern: Kaka, Ronaldo oder Ronaldinho liebten ihn. Dass ein Eden Hazar oder Sergio Ramos ihn wie Mourinho hassen könnte, gilt als höchst unwahrscheinlich. Es ist anzunehmen, dass Ancelotti mit den Bayern ebenfalls Titel feiern wird. Er hätte dann in allen fünf grossen europäischen Fussballligen Titel gewonnen. Das schaffte vor ihm niemand.


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