“Das ist auch bei uns möglich”

“Das ist auch bei uns möglich”
© Die Wucher-Liegenschaften in Zürich. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)
Kantons- und Stadtpolizei Zürich haben am Dienstagmorgen eine Razzia gegen Mietzins-Wucher durchgeführt. 120 Personen sind davon betroffen und mussten meist unter haarsträubenden Bedingungen leben. Die Bilder von den Bruchbuden sorgen für viel Kopfschütteln – doch gibt es solche Fälle auch bei uns in der Ostschweiz.

Dass in der Stadt Zürich bei Mietpreisen besonders heftig gewuchert wurde, vermag beim Ostschweizer Mietverband niemanden zu überraschen. Und doch: Die Bilder von heruntergekommenen und dreckigen Kleinstwohnungen sorgen für viel Gesprächsstoff. Auch in unserer Region dürfte es den einen oder anderen Abzock-Vermieter geben, der seine Mieter unter miserablen Bedingungen hausen lässt. “Muss man davon ausgehen, dass solcher Wucher – wenn auch in wesentlich kleinerem Rahmen – auch bei uns betrieben wird”, sagt Hugo Wehrli, Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverband Ostschweiz.

Fälle seien ihm zwar keine bekannt, so Wehrli. Aber mit grosser Wahrscheinlichkeit seien sie irgendwo da draussen und treiben ihr perfides Spiel mit Menschen, die um jeden Preis auf ein Dach über dem Kopf angewiesen sind: “Da die Mieter in solchen Fällen jedoch meist zu denjenigen gehören, welche ihre Rechte zu wenig kennen, wehren sie sich aus Angst vor Konsequenzen nur selten. Solche Fälle kommen deshalb meist nicht an die Öffentlichkeit.”

Eines ist klar: Sozialhilfeempfänger wie im aktuellen Fall in Zürich haben es auf Wohnungssuche besonders schwer. Und dies obwohl das Sozialamt für deren Mieten aufkommt und der Vermieter damit – zumindest finanziell – kein Risiko eingehen muss.  Die Suche für diese Menschen sei in den letzten Jahren schwieriger geworden, bestätigt auch Hugo Wehrli. “Ja, das ist auch in der Ostschweiz so. Insbesondere seit der Rechtspopulismus alle Menschen, welche, aus welchen Gründen auch immer, auf Sozialhilfe oder eine IV-Rente angewiesen sind, als Schmarotzer schlecht macht. In den meisten Fällen bestünde dafür aber kein Grund, weil die Mietzinszahlung mindestens ebenso sicher wie bei einem Selbständigen oder einem Lohnempfänger ist. Einzig der schlechte Ruf lässt viele Vermieter zurückhaltend reagieren.”

Und wie würde das Vorgehen aussehen, wenn dem Ostschweizer Mietverband solche Fälle bekannt würden? Hugo Wehrli: “Dann würden wir selbstverständlich rechtliche Unterstützung bieten. Das Mietrecht ist bei uns aber nicht sehr griffig. Es müssen schon sehr krasse Fälle sein, dass man auf dem juristischen Weg etwas erreichen kann. Wir fordern deshalb schon lange einen Ausbau des Mieterschutzes.” Ein Thema, das sich nicht zuletzt wegen den Schockwohnungen in Zürich wieder in den Vordergrund drängt. (mla)


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