Das Jahr ohne Sommer im Appenzellerland

Von Lara Abderhalden
Heute sind die Buben wohl genährt. Vor 200 Jahren war das noch anders.
Heute sind die Buben wohl genährt. Vor 200 Jahren war das noch anders. © KEYSTONE/Regina Kuehne
Hunderte von Menschen die einfach so verwahrlosen, kein Essen, keine Arbeit haben und um ihre Existenz kämpfen müssen. Solche Bilder sind wir uns aus Afrika oder Asien gewöhnt. Dass aber vor genau 200 Jahren wegen einem Vulkanausbruch und einer Hungersnot fast ein Zehntel der Appenzeller Bevölkerung starb, ist nur wenigen bekannt.

Wir schreiben das Jahr 1815. Das Appenzellerland lebt von der Textilindustrie. Vor allem von seinen Webereien. Essen gibt es genug. Ein Teil wird angepflanzt oder vom Vieh erzeugt, der Rest importiert. Es lässt sich gut leben auf dem Land. Man hat von allem genug.

Ein Jahr später sieht alles anders aus. 1816 war das düsterste Jahr in der Geschichte der Ostschweiz. Neue Regeln erschweren das Importieren von Gütern und das Exportieren von Textilien. Aber nicht nur wirtschaftlich kriselt es. Das Wetter wendet sich zum Schlechten. Bis im März hat es in Appenzell noch hüfthohe Schneemaden. Es regnet fortan und der Winter scheint kein Ende zu nehmen.

“Es regnete praktisch den ganzen Juli”

Und nimmt er auch nicht. Das Jahr 1816 geht als «das Jahr ohne Sommer» in die Geschichte ein. «Es war kalt. Oberhalb von 2000 Metern blieb der Schnee das ganze Jahr durch und im ganzen Juli hatten wir lediglich zwei Tage ohne Regen», sagt Thomas Fuchs, Kurator am Museum Herisau. Er hat die Ausstellung über die Hungersnot im Museum Herisau ins Leben gerufen. Verschiedene Bilder, Dokumente und Materialien erinnern an die schwere Zeit.

«Die Menschen haben von der Hand in den Mund gelebt», sie versorgten sich mit dem, was sie hatten. Manchmal war das eine Kuh, ein kleiner Garten oder ein paar Bazen aus den Webereien. Nicht immer aber reichte das Geld aus. «Viele Menschen starben an Erschöpfung oder an Hunger», ausserdem hätten sich viele Krankheiten verbreitet. «Die Medizin war damals noch nicht so fortschrittlich wie heute, es gab noch keine Medikamente.»

Sogar heiraten gehörte zu einem Privileg: «Die Menschen konnten sich das Heiraten nicht mehr leisten. Wir sehen in Überlieferungen, dass die Zahl der Eheschliessungen in diesem Jahr abgenommen hat.»

“Jeder Zehnte starb”

Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen bei der Hungersnot tatsächlich starben. «Man geht im Appenzeller Hinterland und Innerrhoden von bis zu einem Zehntel der gesamten Bevölkerung aus. Diese Sterberate ist im Vergleich zu anderen Jahren extrem hoch», sagt Thomas Fuchs.

Zahlen, die heute nur schwer nachzuvollziehen sind, in einem Land, in dem es alles zur Genüge gibt. Dies sei auch für viele Museumsbesucher eine Überraschung: «Viele haben noch nie von diesem Kapitel der Geschichte gehört. Sie fühlen sich betroffen und können es sich kaum vorstellen.»

 

“Wegen einem Vulkanausbruch schien die Sonne praktisch nicht mehr”

Schwer ist auch das Nachvollziehen der Tatsache, dass ein Vulkanausbruch in Indonesien, zur Hungersnot im Appenzellerland führte. «Ein Jahr nach dem grössten Vulkanausbruch der Geschichte in Indonesien begann im Appenzellerland die Hungersnot. Forscher konnten erst vor wenigen Jahren eine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen herstellen.» Der Vulkanausbruch hatte einen so starken Einfluss auf das Wetter, dass es die Ostschweiz besonders hart traf. «Durch den Vulkanausbruch gab es eine Art Schleier, der sich vor die Sonne schob. Vor allem in Nordeuropa und Nordamerika schien dadurch die Sonne fast nicht mehr.»

 

“Menschen gaben Blitzableitern Schuld an Hungersnot”

Die Appenzellerinnen und Appenzeller wussten anno dazumal noch nichts von diesem Vulkanausbruch. Sie versuchten sich die ausbleibende Sonne, die Kälte und den Regen auf andere Weisen zu erklären. Einige glaubten es sei eine Strafe Gottes, wiederum andere gaben den Blitzableitern die Schuld. Dreissig Jahre zuvor waren Blitzableiter erfunden und an die Häuser angebracht worden. Die Appenzeller glaubten, dass die Blitzableiter die Wärme fern hielten und die Wolken anzogen und deshalb eine Hungersnot herrsche.

Blitzableiter wie er damals aussah.

FM1Today

«Man dachte früher, dass jeder, der vom Blitz getroffen wird, diese Strafe verdient hat». Durch die Erfindung von Blitzableitern konnte die Menschheit aber nicht mehr bestraft werden. Blitzableiter seien quasi eine Provokation gegen Gott gewesen.  “In Teufen gab es gar Protestmärsche, in denen die Dorfbewohner alle Blitzableiter von den Dächern zerren wollten.”

 

“Die Appenzeller Regierung hat zu spät gehandelt”

Obwohl man heute weiss, was zu diesem «Supergau» führte, schwebt noch immer die Frage im Raum: «Hätten die schlimmen Folgen der Katastrophe irgendwie verhindert werden können?» Jein, ist die Antwort des Kurators. Die Appenzeller Regierung habe es versäumt Massnahmen zu treffen. Andere Kantone hätten in dieser Zeit in den Getreidemarkt eingegriffen, die Bauern zum Teil subventioniert. Im Appenzellerland habe die Regierung jedoch erst im Oktober, nach dem erntefreien Sommer, eingegriffen. Dennoch sei die Hungersnot letzten Endes ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren gewesen: Dem Strukturwandel in der Textilindustrie, der anhaltenden Armut und dem ausbleibenden Sommer.


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