Das Toggenburg wird mainstream

Von Lara Abderhalden
Die Idylle trügt. Das Toggenburg wird immer mehr verbauen.
Die Idylle trügt. Das Toggenburg wird immer mehr verbauen. © KEYSTONE/Arno Balzarini
Dort, wo sich die Churfirsten die Hände schütteln, das Margritli ein Edelweiss küsst, sich Schwinger in die Hosen fassen und Siloballen die Mehrheit der Lebewesen ernähren – dort ist das Toggenburg. Oder besser gesagt war. Der Wandel eines Tals vom Milchbubi zum Million Dollar Baby. Der Kommentar einer Heimweh-Toggenburgerin.


Es war einmal ein wunderbares Tal. Die Menschen dort hatten alles. Genügend zu essen, viel Freude und ihre Rinder oder Kühe. Auf jeden Fall brauchten sie gar nicht viel, weil es ihnen reichte, einfach das Toggenburg zu haben. Die Bergluft, die grünen Wiesen, Freiheit, Grenzenlosigkeit, aber auch Reserviertheit. Es war ein “Ringel-ringel-Reihe”. Jeder kannte sich, jeder nahm sich bei der Hand, die Meute war überschaubar. Die Zahl der Kühe und Schafe grösser als jene der Menschen.

Plötzlich wurde aus diesem kollektiven “Fätzli gleit” ein subjektives Geld gestreut. Grosse Firmen begannen, den Toggenburgern die Unbeflecktheit zu entreissen. Hochhäuser durchbrachen die Jungfräulichkeit grüner Felder und flauschiger Wiesen. Strassen wurden wie ein Topf Spaghetti über den Churfirsten ausgeleert und schlängeln sich heute durch das Tal. Das Toggenburg ist nicht länger ein weisser Fleck auf der Landkarte. Es ist der “Place to be”. Man kann gar sagen eine “Trend-Region”. So cool, dass man es heute auch “To-go-Burg” nennen kann.

The American Dream

«To Go” kann symbolisch auch mit dem Starbucks-Becher dargestellt werden, den bald jeder in den Dörfern tragen wird. Statt einer frisch gezapften Milch direkt von der Kuh trinkt man als waschechter Toggenburger bald die amerikanische Brühe von Starbucks am Bahnhof Wattwil. Auch wenn die Hälfte der Wattwiler wahrscheinlich noch nie von Starbucks gehört hat und den Namen natürlich auch nicht aussprechen kann, wird er zum In-Lokal. Hundertprozentig.

Schon bald wird man für einen BigMac nicht mehr nach Wil fahren müssen, denn der McDonalds wird das Toggenburg erobern. Langsam und kaum merkbar wird sich der kleine “Bösch-Imbiss” in der Ecke in eine McDonalds-Filiale verwandeln und keiner wird den Unterschied merken. Aus dem “Manor”, den immer noch ein Grossteil der Bevölkerung “Keller Ulmann” nennt, wird ein H&M-Store, vielleicht auch ein Primark oder eine Ikea. Hauptsache international, gross und reisserisch. “We live the American Dream”, werden die Bauern in falschem Englisch bei Berrewegge, Chäs und Brot sagen.

Der «Highway Bütschwil» verbindet

Anschliessend werden sie ihren Ferrari, Lamborghini oder Aston-Traktor aus dem Stall holen und via Umfahrung in die Weiten der Welt kurven. Denn schon bald ist das Toggenburg Teil der ganzen Welt, oder zumindest der Schweiz. Sind all die geplanten Umfahrungen erst einmal unter Dach und Fach, wird es kein Schleichen hinter einem Traktor mehr geben, kein Warten hinter Kuhherden oder vor Bahnübergängen. Man kann dann quasi über den «Highway Bütschwil» nach Wildhaus oder St.Gallen fliegen.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Brücke soll die Umfahrung Wattwil mit der Umfahrung Ebnat-Kappel verbinden. Man kann dann mit seinem Porsche Cayenne mit heruntergelassenen Scheiben und heraushängendem Arm zu den Beats des neuen Klanghotels abgehen. Wow, das fätzt. “To-go-Burg, du rocksch!”

Es war einmal ein wunderbares Tal. Die Menschen dort hatten alles. Genügend zu essen, viel Freude und ihre Rinder oder Kühe. Heute haben sie Highways, Fastfoodketten und grosse Ferienresorts, weil sie jetzt mehr brauchen, weil das Toggenburg jetzt mainstream ist. Schade eigentlich.


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