«Der Chlaus ist kein Erzieher»

Von Fabienne Engbers
Samichlaus Ivan Stäheli hört nach 20 Jahren auf.
Samichlaus Ivan Stäheli hört nach 20 Jahren auf. © zVg
Ivan Stäheli aus Andwil ist 20 Jahre lang als Samichlaus von Tür zu Tür gegangen. Nun hat er seine Leidenschaft an den Nagel gehängt. Die Eltern, Kinder und Ansprüche an den Chlaus machen ihm zu schaffen.

Zwei Ferienwochen, unzählige Nüssli, Schöggeli und Mandarinli und ein grosses Bündel Nerven hat Ivan Stäheli jedes Jahr in seiner Zeit als Samichlaus geopfert. Bekommen hat er dafür nebst einem guten Lohn auch viele schöne Erinnerungen, Freunde und ganz besondere Stimmungen. «Ich werde es vermissen», sagt der 44-Jährige. Dies, obwohl in den letzten Jahren vermehrt negative Erinnerungen an das Chlausen dazukamen.

«Kinder dürfen nicht mehr Kind sein»

Als Ivan Stäheli vor 20 Jahren mit dem Chlausen begonnen hat, musste er den Kindern sagen, sie sollen ihre Zähne besser putzen oder früher ins Bett gehen. «Heute geht es vor allem darum, dass sie weniger fernsehen oder Computerspiele spielen sollen», sagt der 44-Jährige.

Die Probleme unserer Gesellschaft hätten sich in seinen 20 Jahren als Samichlaus verschoben. «Viele haben heute weniger Toleranz, das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene», sagt Stäheli. Früher hätte man auf Schulhöfen im Winter Schneeballschlachten machen können, heute sei dies oftmals verboten. «Wenn die Kinder klein sind, findet man es süss, wenn sie durchs Haus rennen und herumtoben. Zwei Jahre später werden sie dafür getadelt.» Ivan Stäheli wünscht sich, dass man Kinder wieder mehr Kind sein lässt und sie nicht zu früh dazu zwingt, erwachsen zu werden.

Kinder kommen nach den Eltern

Die Schuld dafür, dass die Kinder heutzutage anspruchsvoller sind, liegt laut Ivan Stäheli auch an den Eltern. «Die Kinder müssen dem Samichlaus ein Sprüchli vortragen und wenn sie stottern oder stocken, sind die Eltern nicht zufrieden. Aber können die Eltern, die gewusst haben, wann der Chlaus kommt, das Sprüchli selbst vortragen?» In manchen Familien würden Kinder dafür getadelt, dass sie zu viel an ihren Handys sitzen. Aber die Eltern wollen am Wochenende trotzdem ausschlafen und geben den Kindern einfach ein Tablet in die Hand, um sie zu beschäftigen.

Der Samichlaus muss es richten

Während Eltern das ganze Jahr Zeit haben, ihre Kinder zu erziehen, bleiben dem Samichlaus gerade einmal dreissig Minuten. «Ich will den Kindern nicht nur vorhalten, was sie alles besser machen sollen», sagt Ivan Stäheli. Stattdessen habe er den Eltern jeweils aufgetragen, zwei Dinge aufzuschreiben, die ihre Kinder gut machen und etwas, das sie noch verbessern könnten. «Teilweise habe ich eine ganze A4-Seite voller negativen Dinge erhalten, die ich den Kindern vortragen sollte.» Das Tadeln sei aber nicht die Aufgabe des Samichlaus. «Ich bin kein Psychiater.» Ivan Stäheli und seine Chlaustruppen, die in Wittenbach und Umgebung herumzogen, haben auch nie eine Fitze dabei gehabt.

Wenn der Samichlaus nur dafür benutzt werde, den Kindern zu sagen, was sie das ganze Jahr verbockt haben, habe das nichts mehr mit dem ursprünglichen Brauch zu tun. «Die Tradition geht so verloren.»

«Ich werde es vermissen»

Auch wenn die negativen Eindrücke bei seinen Familienbesuchen in den letzten Jahren immer stärker wurden, wird Ivan Stäheli das Chlausen vermissen. «Es ist immer etwas ganz Spezielles, wenn man als Samichlaus einen Raum betritt. Familien und Generationen sind zusammengekommen, die Stimmung, die herrscht, ist einzigartig.» Der 44-Jährige hat sich immer viel Zeit für alle Leute im Raum genommen. «Man ist als Samichlaus auch eine Art Entertainer, alle wollen von mir unterhalten werden, nicht nur der, der vorne steht.»

Nach den zwei Wochen, in denen Ivan Stäheli jeweils als Chlaus unterwegs war, brauchte er Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. «Vieles hat mich geprägt und beeindruckt, ich brauchte jedes Jahr länger, um das zu verdauen.»

Die Entscheidung, aufzuhören, ist ihm nicht leicht gefallen. Daher nennt er es auch nur eine Pause, ganz vom Chlausen verabschieden möchte er sich noch nicht. «Ich bin nicht wütend, sondern ein wenig enttäuscht. Momentan kann ich einfach nicht mehr dahinterstehen», sagt Stäheli.


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