Der elende Tod des Gidio Hosestoss

Die Todesursache ist in Herisau jedes Jahr die gleiche: Gidio stirbt an einem Leckerli.
Die Todesursache ist in Herisau jedes Jahr die gleiche: Gidio stirbt an einem Leckerli. © Appenzellerland Tourismus
Während in den meisten Teilen der Schweiz die Fasnacht am Aschermittwoch offiziell endet, steht in Herisau und Waldstatt ein wichtiger Brauch an: Ehrenbürger Gidio Hosestoss wird wieder zu Grabe getragen.

In Herisau stirbt Gidio Hosestoss immer aufgrund derselben Ursache: Weil er ein Leckerli geklaut hat, erstickt er als Strafe daran. Nicht ohne Grund werden Lausbuben, die Verbotenes treiben, Gidio genannt – was in etwa das gleiche wie “Dummkopf” bedeutet.

Waldstatt hat den Brauch von der Ausserrhoder Kantonshauptstadt übernommen, mit einem grossen Unterschied: Jedes Jahr stirbt Gidio, angelehnt an aktuelle Geschehnisse, aus einem anderen Grund. Einmal erleidet er einen Herzinfarkt (Anspielung auf Hans-Rudolf Merz), einmal kommt er beim Überqueren eines unsicheren Zebrastreifens um (nach Debatten rund um die Sicherheit von Strassen). Woran der Waldstätter Gidio diesmal stirbt, wird erst am Umzug gelüftet. Ob es dieses Jahr wegen der VW-Abgase ist?

Organisation durch die Schule

Anders als im wahren Leben ist die Trauergemeinde am Aschermittwoch jeweils nicht traurig, sondern ausgelassen und fröhlich. Die Kinder bewerfen den Sarg mit Konfetti, eine Guggenmusik-Formation schreitet den Fasnächtlern voran. Die Sekundarschulen bilden einen wichtigen Teil der Ausserrhoder Tradition: Sie begleiten ihn auf seiner letzten Reise.

Die Schüler in Waldstatt sind selber für den Umzug verantwortlich. Jährlich wird die Gidio-Pfarrperson aus dem Kreis der zweiten Oberstufe auserkoren. Die Hauptaufgabe besteht darin, die Trauerrede zu schreiben und zu halten. Eine Schülerin verkleidet sich jeweils als Eulalia Lisebös Fadehäx, geborene Chuefödle, wie die Mutter des Verstorbenen genannt wird, und nimmt am Trauerumzug teil. Die Blaariwiiber vergiessen geräuschvoll Tränen. Die Kässeler sammeln Geld – damit allen Teilnehmern rund 6000 Leckerlis verteilt werden können. Hinter der Trauergemeinde folgen die Sujetwagen, die spöttisch zu aktuellen Dorf- und Weltgeschichten Bezug nehmen.

Ungeklärte Wurzeln

Wie der Brauch des Gidio genau entstanden ist, ist bis heute nicht geklärt. Laut Johannes Schläpfer, der 1988 ein Buch zur Ausserrhoder Tradition herausgab, soll eine Begebenheit 1844 in Gossau drei Herisauer dazu inspiriert haben.

Ein Neffe des damaligen Posthalters musste einen vergessenen Brief ins benachbarte Dorf bringen. Begleitet wurde er von zwei Söhnen des Gemeindeläufers. In Gossau sah das Trio Männer, die hinter einem Strohmann heulend durch das Dorf zogen. Von diesem Treiben tief beeindruckt, organisierten sie daraufhin einen ähnlichen Umzug durch Herisau. Belege für diese Schilderung gibt es nicht – die erste schriftliche Nennung stammt aus dem Jahr 1872.

Dieses Jahr stirbt der Gidio in Herisau zum 172. Mal, in Waldstatt zum etwa 103. Mal.

(red)


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