«Der Kiosk war mein zweites Zuhause»

Von Laurien Gschwend
Klara Krüsi verbringt die letzten Tage in «ihrem» Kiosk St.Georgen.
Klara Krüsi verbringt die letzten Tage in «ihrem» Kiosk St.Georgen. © FM1Today/Laurien Gschwend
Vier Jahrzehnte arbeitete Klara Krüsi beim Kiosk, ein Jahr vor ihrer Pension verliert die 63-Jährige ihre Arbeit. Der Kult-Kiosk in St.Georgen schliesst am Samstag nach 56 Jahren – zumindest bis auf Weiteres.

«Es tut einfach nur weh», sagt Klara Krüsi, während sie in «ihrem» Kiosk im St.Galler Quartier St.Georgen Kaugummis und Süssigkeiten ordnet. Viele Artikel sind wenige Tage vor der Schliessung mit einem 50-Prozent-Sticker versehen. «Ich habe beim Kiosk angefangen, weil es mir gefiel, selbständig zu arbeiten und das Sortiment nach den Bedürfnissen meiner Kundinnen und Kunden zu richten.»

Heute sei das anders. Ihr werde vorgeschrieben, welche Hefte und Zigaretten wo zu liegen haben. «Verändert hat sich auch, dass heute vieles über den PC funktioniert», sagt die Kioskfrau aus Speicher. Die nette Kundschaft werde sie nach dem kommenden Wochenende am meisten vermissen. «Auch wenn die Beziehungen nicht mehr so persönlich sind wie früher. Viele treue Stammkunden sind im Altersheim oder gestorben.»

Ein Jahr vor Pension beim RAV

Klara Krüsi wird heute Mittwoch 63 Jahre alt. Kürzlich hat sie ihr 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert – die Hälfte dieser Zeit arbeitete sie im Kiosk bei der Bergstation der Mühleggbahn, welche die St.Galler Altstadt mit dem Wohnquartier St.Georgen und Dreiweieren verbindet. «Der Kiosk war während der letzten 20 Jahre meine zweite Heimat», sagt sie sichtlich gerührt. Nun ist sie beim RAV angemeldet. «Ich schreibe Bewerbungen, aber es geht ja nicht mehr lange bis zur Pension.»

Am St.Geörgler Kiosk kommen viele Weieren-Gänger vorbei. (Bild: Tagblatt/Sabrina Stübi)

An Abwechslung hat es der Appenzellerin nie gefehlt. «Vom Kind bis zum Greis sind alle vorbeigekommen. Es gab viele Nette und auch viele Betrunkene, letztere vergisst man mit der Zeit wieder.» An einem Sonntag habe sie den Vorplatz des Kiosks «vollkörblet» vorgefunden. Bei dieser unschönen Begrüssung blieb es. Während vier Jahrzehnten musste Krüsi nie die Polizei rufen.

Schmuddelhefte verborgen

Ihren Kundinnen und Kunden konnte die heute 63-Jährige selten einen Wunsch abschlagen. «Den Kindern habe ich manchmal ein 10erli oder 20erli geschenkt, damit musste ich aber aufhören, weil schlussendlich alle 10 oder 20 Rappen zu wenig dabei hatten», sagt die Kioskfrau und lacht. Bis vor einigen Jahren hätten rauchende Eltern ihre Kinder noch mit Zigaretten-Einkaufszetteln vorbeigeschickt. «Das wäre heute nicht mehr möglich.»

Wer sich für seine Erotikhefte schämte – oder den «Blick», erinnert sich Krüsi – bekam seine Lektüre in eine seriöse «NZZ» oder einen «Tages-Anzeiger» eingerollt. «Mir war das egal. Hauptsache, die Sachen wurden bezahlt.»

Philip Schneider, VR-Präsident Mühleggbahn AG (Bild: Tagblatt/Urs Jaudas)

«Zu einem Quartier gehört ein Kiosk»

Nach der Sanierung der Mühleggbahn in diesem Sommer hat die bisherige Betreiberin Valora nicht vor, wieder einen Kiosk zu eröffnen. «Diesen Entscheid bedauern wir sehr», sagt Philip Schneider, Verwaltungsratspräsident der Mühleggbahn AG. «Die Valora hat sich seit einigen Jahren mit dem Gedanken befasst, den Kiosk zu schliessen, und nun per Ende Jahr gekündigt. Wegen der Renovation hat sie beschlossen, den Kiosk vorzeitig zuzumachen.»

Schneider hofft, bald einen neuen Pächter für den Kiosk zu finden. «Zu einem Quartier gehört ein Kiosk, in dem man Zeitungen kaufen und Lottoscheine ausfüllen kann.» Der VR-Präsident der Mühleggbahn ist der Meinung, der St.Geörgler Kiosk werde stark frequentiert.

Valora: Kiosk rentiert nicht

Die Valora stellt den Kiosk-Betrieb an der St.Georgenstrasse nach eigenen Angaben aus kommerziellen Gründen ein. «Ausschlaggebend sind die tieferen Kundenfrequenzen, die wir in letzter Zeit festgestellt haben», sagt Mediensprecher Lukas Mettler. Zwei Mitarbeiterinnen, die neben Klara Krüsi beim St.Geörgler Kiosk gearbeitet haben, hat die Valora eine Anstellung in einer anderern Verkaufsstelle vermittelt.

Klara Krüsi wünscht ihren allfälligen Nachfolgern «viel Glück und Erfolg». Sie hofft, dass auch kleine Betriebe bei der Pächtersuche eine Chance haben. Für das Geburtstagskind steht fest: «St.Georgen ist ohne Kiosk nicht das Gleiche.»


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