Der Konzert-Dolmetscher für Gehörlose

Tobias Bonderer übersetzt Konzerte für Gehörlose.
Tobias Bonderer übersetzt Konzerte für Gehörlose. © zVg
Wenn Gehörlose Musik hören, ist der Bass wichtig. Wollen Gehörlose mehr von der Musik wissen, brauchen sie einen Übersetzer. Dieser übersetzt nicht nur den Songtext, sondern noch viel mehr. Und doch erntet der Dolmetscher ab und an auch Kritik.

Tobias Bonderer spricht die Gebärdensprache einwandfrei, auch wenn er ganz normal hören kann. Er ist Dolmetscher und übersetzt in die Gebärdensprache und umgekehrt. Sogar Konzerte versucht er, den Gehörlosen zu übersetzen.

Zwei Menschen können durch eine Scheibe kommunizieren

«Die Gebärdensprache hat mich von kleinauf fasziniert, wenn ich sie auf der Strasse sah», sagt er. Endgültig zur Gebärdensprache gefunden hat Tobias Bonderer dank einem speziellen Erlebnis in seiner Vergangenheit. «Ich war am Bahnhof in Barcelona, als sich ein Paar verabschiedete. Er stand im Zug, sie draussen und die beiden konnten durch die Scheibe kommunizieren. Das war so ein intimer Moment. Von da an wusste ich, ich muss diese Sprache erlernen.»

«Wir sind das Telefon»

Heute ist es sein Beruf die Gebärdensprache zu übersetzen. «Wir sind sozusagen das Telefon. Wir nehmen auf, was in eine Leitung reingegeben wird und versuchen, dass es am anderen Ende so genau wie möglich herauskommt.»

Was bei einem Gespräch gut funktioniert, ist bei einem Konzert anspruchsvoller. «Wir übersetzen den Text, versuchen aber auch, die Musik mitzugeben. Wie klingt die Musik, ist sie tief, ist sie schnell, ist sie hart. All diese Eigenschaften übersetzen wir in Gebärdesprache.» Ausserdem dolmetschen wir, was der Sänger sagt und wie das Publikum reagiert.

«Ein Konzert ist ein Erlebnis»

Warum Gehörlose an ein Konzert gehen möchten, obwohl sie dort das für Hörende wichtigste Element, den Ton, nicht aufnehmen können, ist für Tobias Bonderer klar. «Ich könnte auch fragen, warum gehst du an ein Konzert, wenn du dir auch das Album anhören könntest? Bei einem Konzert geht es um mehr als die Musik, es geht um die Stimmung und das ganze Erlebnis, was auch ein Teil unserer Kultur ist.»

Trotzdem haben Gehörlose auch Erwartungen an ein Konzert und geben diese auch an ihre Dolmetscher weiter. «Ich habe eine Kollegin, die von einer Gehörlosen einst Kritik bekommen hat. Sie meinte, sie fand ein Lied nicht gut übersetzt, das sei ja nur ‹hey hey la la› und ein ganz banaler Text gewesen. Da müsse doch mehr sein.»

Es gibt auch «Schoggi-Gipfel-Einsätze»

Nicht immer hat es Tobias Bonderer als Dolmetscher einfach. «Mein Job ist es, werteneutral zu übersetzen. Wenn ich aber eine Predigt übersetzen muss, in welcher es heisst, dass jeder Makel, den man an sich trägt, eine Strafe Gottes ist und vor mir sitzen fünf Gehörlose, dann geht mir das ziemlich ans Leder.» Tobias Bonderer nennt diese Jobs «Schoggi-Gipfel-Einsätze». «Wenn ich fertig bin, wasche ich meine Hände, gehe zum Bahnhof und kaufe mir einen oder zwei Schoggi-Gipfel.»

«Gott hat es gerne farbig»

Wie wir mit Menschen mit Behinderungen umgehen, sagt auch etwas über unsere Gesellschaft aus, sagt FM1-Pfarrerin Charlotte Küng. Sie fragt Tobias Bonderer, ob Gehörlose von Gott bestraft wurden. «Das ist eine sehr provokative Frage. Ich bin nicht gehörlos, daher kann ich dir nur meine Meinung sagen. Ich glaube, Gott mag es gerne farbig. Daher glaube, dass wir alle mit einer Art Behinderung unterwegs sind. Einige davon sind sichtbarer, zum Beispiel bei Gehörlosen. Und vielleicht ist die Behinderung eines anderen Menschen die, dass er meint, er habe keine.»

Die FM1-Sendung ‹Gott und d’Wält› zum Nachhören:

(enf)


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