Der Letzte seiner Art

Von Lara Abderhalden
Hans Schwendener ist der letzte Schweizer Töpfer, der Talerschwingerschüsseln herstellt.
Hans Schwendener ist der letzte Schweizer Töpfer, der Talerschwingerschüsseln herstellt. © FM1Today/Lara Abderhalden
Es hat mit Tradition zu tun, mit Kraft und Konzentration, Geduld und Geschwindigkeit: Genau diese Eigenschaften machen einen guten Töpfer aus. Hans Schwendener aus Buchs ist der letzte Töpfer, der Talerschwingerbecken herstellt. Er ist beinahe 70 Jahre alt, aufhören möchte er erst, wenn er 100 ist.


Schon beim Parkieren vor der Töpferei von Hans Schwendener sieht man durch die Glasscheiben nichts als Töpfe, Tassen und Schüsseln. Schön fein aneinandergereiht oder in irgendwelche Kartonschachteln gestopft. Und plötzlich steht da dieser Chihuaua hinter der Scheibe und beginnt wie wild zu bellen. «Meine laufende Türklingel», wird mir Hans Schwendener später erzählen.

Seit über 50 Jahren Töpfer

Die «laufende Türklingel» weist mir den Weg bis zum Hintereingang der Töpferei. Hans Schwendener begrüsst mich nicht mit einem Händedruck. Seine Hände sind voller Ton. Er streckt mir seinen Arm entgegen und sagt: «Ich bin gleich soweit, muss nur noch schnell etwas vorbereiten.»

Er setzt sich vor eine Maschine, nimmt eine Hand voll Tonmasse und platziert diese auf einer sich drehenden Scheibe. Seine Hände formen sich um die Tonmasse wie zum Gebet. Immer wieder tunkt er seine Hände ins Wasser, setzt an der Tonmasse an und formt diese zuerst in die Breite. Dann beginnt er am Ton zu ziehen und es entsteht eine Art Zylinder. «Das ist die Vorlage für die kleinste der drei Talerschwingerschüsseln», erklärt der 69-jährige Töpfer.

Durch ziehen entsteht die Form der Schüssel (Bild: Lara Abderhalden)

Durch Ziehen entsteht die Form der Schüssel. (Bild: FM1Today/Lara Abderhalden)

Seit über 50 Jahren ist Hans Schwendener schon im Töpfereigeschäft. «Ich habe die obligatorische Schule abgebrochen und mit 14 Jahren eine Lehre in einer Töpferei begonnen.» Seit 1969 hat er seine eigene Firma in Buchs und genau so lange macht er schon Talerschwingerschüsseln.

Sturheit wurde anderen Töpfern zum Verhängnis

«Am Anfang war es schwierig. Ich habe von 5 Uhr morgens bis nachts um 22 Uhr gearbeitet. Ich brauchte ungefähr drei Jahre, bis ich herausfand, wie eine Talerschwingerschüssel optimal herzustellen ist.» Hans Schwendener ist der einzige Schweizer, der noch Becken zum Talerschwingen herstellt, dies liege nicht zuletzt an der Sturheit anderer Töpfer: «Die Berner Töpfer zum Beispiel haben ihre traditionelle Keramik gemacht. Sie sind auf dem Alten hocken geblieben und haben nicht gemerkt, dass die Tage langsam vorbei sind.»

Hans Schwendener hingegen dachte und denkt anders. Schnell wurde ihm klar, dass die Talerschwingerbecken etwas waren, das nicht jeder einfach so hinkriegt: «Die Herstellung ist für die meisten zu streng. Sie können die sechs Kilogramm Ton nicht verarbeiten, welche für eine grosse Schüssel notwendig sind oder sie haben zu kleine Öfen. Viele Töpfer sind aber auch einfach gestorben.»

Zum Talerschwingen ist immer ein Set von drei Schüsseln notwendig (Bild: Lara Abderhalden)

Zum Talerschwingen ist immer ein Set von drei Schüsseln notwendig. (Bild: FM1Today/Lara Abderhalden)

«Du sollst nie Nein sagen»

Auch Hans Schwendener ist nicht mehr der Jüngste. In diesem Jahr wird er 70 Jahre alt, ein Alter, indem sich viele Senioren auf eine Parkbank zurückziehen und Vögel füttern. Daran denkt der Buchser noch lange nicht: «Man muss einfach dabei bleiben. Ich würde keine zwei Jahre überleben, wenn ich nichts mehr zu tun hätte. Es würde mir langweilig und ich glaube, ich würde durchdrehen.» Man glaubt ihm. Hans Schwendener ist kein «Plöffsack», wenn er sagt, dass er der Beste in seinem Handwerk ist. Er ist kein Angeber, wenn er sagt, dass junge Töpfer einfach nicht in der Lage wären, Talerschwingerschüsseln zu machen, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Er ist einfach nur realistisch.

Für die perfekte Schüssel braucht es vor allem Geschwindigkeit, sonst wird der Ton zu weich. (Bild: Lara Abderhalden)

Für die perfekte Schüssel braucht es vor allem Geschwindigkeit, sonst wird der Ton zu weich. (Bild: FM1Today/Lara Abderhalden)

«Mein Grossvater hat einmal gesagt, du sollst nie Nein sagen, bevor du es nicht probiert hast und das ist mein Leitspruch. Ich probiere alles aus und sage erst Nein, wenn es wirklich nicht geht.» Genau deshalb kann Hans Schwendeners Töpferei bis heute überleben: «Ich habe noch nie ein Inserat geschaltet, ich habe niemals Werbung gemacht und trotzdem habe ich Kunden aus der ganzen Schweiz. Ich hatte neulich sogar eine Oper aus Düsseldorf zu Gast, die ein Talerschwinger-Set wollte.» Er frage sich schon ab und zu, woher all die Leute kommen und woher sie seinen Namen wüssten.

«Ich arbeite, bis ich 100 bin»

Trotz der grossen Nachfrage geht es dem 69-Jährigen nicht nur um das Geschäft: «Das Töpfern ist ein Hobby und das war es auch schon immer.» Er wolle dieses Hobby solange ausüben, wie es die Gesundheit zulasse: «Ich habe mir immer gesagt, ich arbeite bis ich 100 Jahre alt bin und dann beginne ich langsam abzubauen», er schmunzelt und relativiert zugleich: «Solange die Leute zufrieden sind und Ware wollen, werde ich weitermachen.»

Einen Nachfolger hat er nicht. Und auf die Frage, wer denn in Zukunft in der Schweiz noch Talerschwingerschüsseln herstellen wird, kennt er keine Antwort: «Vielleicht Maschinen. Ich hoffe es aber nicht. Sobald Maschinen die Schüsseln herstellen, klingen alle gleich.» Heute kommen Jodler aus der ganzen Schweiz zu Hans Schwendener. Er stellt alle rund 120 Schüsseln auf den Boden und die Jodler können die drei Schüsseln auswählen, die ihnen am besten gefallen. Schüsseln, die übrig bleiben, werden manchmal zu Salatschüsseln umfunktioniert.

Bis zu 500 Schüsseln pro Jahr

«Ich habe das Glück, dass ich etwas Spezielles mache.» Das halte ihn über Wasser. Mit einem dünnen Draht, der an zwei Korken befestigt ist, entfernt der fast 70-Jährige die Schüssel von der sich drehenden Scheibe. Er nimmt die Schüssel in die Hand, schaut sie an und platziert sie auf einem Holzbrett. «So, jetzt mache ich noch ungefähr 30 weitere, vielleicht auch 40.»

30 bis 40 Schüsseln macht er pro Grösse. Rund 500 im Jahr. (Bild: Lara Abderhalden)

30 bis 40 Schüsseln macht er pro Grösse. Rund 500 im Jahr. (Bild: FM1Today/Lara Abderhalden)

400 bis 500 sind es jährlich. Jede klingt ein bisschen anders. 400 bis 500 Schüsseln, von Hand hergestellt. Hände, die über 50 Jahre Erfahrung haben und die hoffentlich noch bis zu seinem 100. Geburtstag mitmachen werden.

Ich beobachte Hans Schwendener. Sein blauen, hellen, aufmerksamen Augen ruhen auf der Schüssel. Er hebt den Blick, lächelt. «Ja, das ist alles. Wollen Sie sonst noch was wissen?»

Auch ich lächle, schüttle den Kopf, bedanke mich und mit einer Talerschwingerschüssel unter dem Arm werde ich von der «laufenden Türklingel» hinaus begleitet.


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