Der Neustart und die Altlasten

Sportchef Alain Sutter und Präsident Matthias Hüppi haben noch viel Arbeit vor sich.
Sportchef Alain Sutter und Präsident Matthias Hüppi haben noch viel Arbeit vor sich. © Urs Bucher/St.Galler Tagblatt
Seit Montag ist Matthias Hüppi offiziell Präsident des FC St.Gallen, erste personelle Umwälzungen verfügte er aber schon vor Amtsantritt – weitere werden wohl bald folgen. Die Mannschaft wurde mit Cedric Itten (21) und Runar Sigurjonsson (27) bislang vielversprechend ergänzt. Dass das Budget darüber hinaus einen kostspieligen Abwehrchef zulässt, ist aber zu bezweifeln, schreibt Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Was die Aktionäre am 12. Dezember euphorisch verkündeten, ist seit Montag Tatsache: Matthias Hüppi, lange Zeit eloquentes Aushängeschild des Schweizer Fernsehens, ist nun offiziell Präsident des FC St.Gallen. In der Zeit dazwischen trat der 59-Jährige den Beweis an, dass er seinen Worten Taten folgen lässt: So besetzte er etwa die vakanten Stellen des Sportchefs und des CEO der Event AG schon Tage vor seinem eigentlichen Arbeitsbeginn.

Und das erfolgreich, wie Hüppi selbst findet. «Mit der Ernennung von Alain Sutter zum Sportchef und Ivo Forster zum CEO der Event AG haben wir zwei wichtige Positionen mit absolut unabhängigen Personen besetzt. Damit haben wir schon wichtige Eckpunkte gesetzt, bevor meine Amtszeit offiziell begann», so der Neu-Präsident.

Gilt es nun also, den Blick nach vorne zu richten, die Vergangenheit ruhen zu lassen? Nicht ganz. Auf den neuen Verwaltungsrat wartet weiter viel Arbeit, die nicht nur Gegenwart und Zukunft tangiert –das Bewältigen der Altlasten ist die Grundlage für den Neustart.

«Wir werden konsequent handeln»

Dass der Neuanfang konsequent sein soll, bewies die neue Führung am Beispiel von Kristijan Djordjevic. Dieser zählt zum Kundenstamm des um Einfluss bemühten Spielerberaters Donato Blasucci und stiess 2015 vom FC Kreuzlingen zu den Espen. Erst war er Trainer der U18-Mannschaft, dann betreute er die U21 und schliesslich gipfelte sein durch Beziehungen begünstigter Aufstieg in der Ernennung zum Talentmanager – bis er zu Jahresbeginn freigestellt wurde.

Djordjevic dürfte nicht der einzige bleiben, der nach dem eigentlichen Neuanfang das Feld räumen muss. Besonders im «führungslosen» zweiten Halbjahr 2017, als die Verwaltungsräte um Stefan Hernandez allesamt gleichzeitig Angestellte des FC St.Gallen waren, soll es zu unüblichen Vertragsverlängerungen gekommen sein, die das Unternehmen aufgebläht haben, wie sich Experten einig sind.

Die Verträge, die in dieser Zeit abgeschlossen wurden, werden derzeit und wohl noch bis Mitte Februar von externen Wirtschaftsprüfern unter die Lupe genommen. Kommentieren will Matthias Hüppi die laufenden Untersuchungen nicht. Er sagt aber: «Es werden alle Positionen genau durchleuchtet. Wo nötig, werden wir konsequent handeln – allerdings mit der nötigen Gelassenheit und Fairness.»

Sind die Reserven bald weg?

Während einige Exponenten aus der alten Ära also weiter um ihren Job zittern müssen, bleibt die Frage, wie teuer den FC St.Gallen die Turbulenzen aus dem Jahr 2017 zu stehen kommen. Ende der Saison 2015/16 betrugen die unter Dölf Früh angelegten Reserven 4,5 Mio. Franken, davon waren 2,5 Mio. bis zum Ende der letzten Saison bereits verpufft.

Im laufenden Geschäftsjahr steht die Nachwuchs-Akademie Future Champs Ostschweiz (FCO) bereits wieder mit 400’000 Franken in der Kreide. Dazu kommen zahlreiche Personen, die trotz laufenden Verträgen entlassen wurden, was sich ebenfalls negativ auf die Bilanz auswirken wird. Es ist verlorenes Geld, welches ein allzu magerer Erlös aus dem Ajeti-Verkauf wohl nicht zu kompensieren imstande ist.

Die Rechnung ist einfach: Beendet der FC St.Gallen dieses Geschäftsjahr ähnlich wie das letzte, dürften die Reserven von 2016 bis zum Ende der Saison aufgebraucht sein. Es sei denn, der neuen Führung gelingt es, neue Einnahmequellen anzuzapfen – etwa die Zuschauer zurück zu gewinnen oder sportlich Erfolg zu haben.

Ein Knipser für die Rückrunde

Dass die Fans in den Kybunpark zurückkehren, hat für die neue Führung oberste Priorität. Mit 11’600 Zuschauern im Durchschnitt liegen die Espen in dieser Statistik noch hinter dem FC Zürich auf Platz vier. Völlig klar, dass Medienprofi Hüppi an die Fans appelliert, zahlreich zum ersten Heimspiel des neuen Jahres zu erscheinen.

In der Kaderplanung haben die beiden Neuverpflichtungen aufhorchen lassen: Cedric Itten (21) wird bis Saisonende vom FC Basel ausgeliehen. Er könnte in der Rückrunde der langersehnte Knipser sein, den der FC St.Gallen seit Albian Ajetis Abgang ans Rheinknie schmerzlich vermisste.

Ebenfalls auf Leihbasis – allerdings im Tausch mit Gjelbrim Taipi – wechselt Runar Sigurjonsson in die Ostschweiz. Der 27-jährige Mittelfeld-Allrounder, der sich mit Trainer Murat Yakin überworfen haben soll, unterschreibt in der Ostschweiz einen Vertrag bis Ende Saison mit der Option auf eine weitere Spielzeit.

Festhalten an der Euphorie

Steigerungspotenzial ortet Matthias Hüppi zudem in der Verteidigung. In Anbetracht der eher angespannten finanziellen Lage ist ein kostspieliger Einkauf wohl aber eher unwahrscheinlich. So soll Sportchef Alain Sutter nicht nur den Markt, sondern auch den eigenen Nachwuchs sondieren, den er im Trainingslager unter der spanischen Sonne von Sotogrande gerade besser kennenlernt.

Präsident Hüppi hat die Reise nach Andalusien nicht mitgemacht – nicht aus Desinteresse, sondern weil es dafür entsprechende Kompetenzträger gebe. Das Bestreben, Doppelspurigkeiten zu vermeiden, ist exemplarisch für die neue Führung des FC St.Gallen. «In Zukunft gibt es hier nur noch eine Gruppe, die Gruppe Grün-Weiss, die Gruppe FCSG», sagte Matthias Hüppi am 12. Dezember. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur die Worte lange nachhallen, sondern auch die Euphorie, die sie auslösten.


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