Der tiefe Graben im Toggenburg

Der tiefe Graben im Toggenburg
© Ruedi Vögeli steht vor der derzeit wohl grössten Baustelle im Toggenburg. (Bild: Lara Abderhalden)
Sie schlängelt sich durch das Toggenburg wie eine Blindschleiche. Niemand weiss genau, wo sie lang geht, niemand weiss genau, wie sie voran kommt. Die Umfahrung Bütschwil ist omnipräsent und unergründlich zugleich. Wir durfte einen Blick hinter die Kulissen der grössten Baustelle im Toggenburg werfen.

Staub wirbelt auf. Ich fahre mit dem FM1 Cinquecento über eine provisorische Brücke in Bütschwil. Dahinter befindet sich der Besucherpavillon. Vor dem Baucontainer steht Ruedi Vögeli, Gesamtprojektleiter. Quasi der König der Baustelle. Er begrüsst mich mit einer Leuchtweste und einem Helm in der Hand. «Das brauchen wir dann für die Baustelle.»

Das Betreten der Baustelle ist nur mit Leuchtweste und Helm erlaubt. (Bild: Lara Abderhalden)

Das Betreten der Baustelle ist nur mit Leuchtweste und Helm erlaubt. (Bild: Lara Abderhalden)

Wir schütteln uns die Hände. Er lächelt und fragt: «So, was würdest du gerne sehen?» Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Zwar weiss ich als Toggenburgerin, dass in Bütschwil gebaut wird. Das bekommt man auch zu spüren, wenn man von Wil oder St.Gallen nach Wattwil fährt, schwer fluchend über die vielen roten Ampeln in Bütschwil, die wegen der Baustellen aufgestellt wurden.

Weil ich mich selbst in vergangener Zeit immer mehr über den Stau, die Barrieren und die vielen Baustellen nervte, war eigentlich meine einzige Frage: «Wann, wann kann man dieses Bütschwil endlich umfahren?»

Der erste Teil ist fertig

Diese Frage hat mir Ruedi Vögeli innerhalb von zwei Sekunden beantwortet: «2020». Er kann mich verstehen: «Viele Menschen hören nur den Baulärm, sehen nur die Baustellen, wissen aber nicht, was wir eigentlich tun, wie viel es braucht und vor allem wie viele Auflagen zu erfüllen sind.» Angefangen beim Boden. Der Boden sei wie eine Art Überraschungsei. Man weiss nie, was sich unter der Erde verbirgt. «Natürlich wissen wir ungefähr was unter der Erde ist, ganz abschätzen können wir es aber nie. Plötzlich kann wieder Wasser auftauchen, der Boden kann härter sein als erwartet oder wir stossen früher auf Felsen, als wir gedacht haben.»

Ich darf hinter die Kulissen der Umfahrung Bütschwil schauen. (Bild: Lara Abderhalden)

Ich darf hinter die Kulissen der Umfahrung Bütschwil schauen. (Bild: Lara Abderhalden)

Vermutlich habe ich ihn fragend angeschaut. «Komm mit», sagt er «ich zeige dir alles.» Als erstes durchfahren wir den Teil der Umfahrung, der bereits fertig gebaut ist. Den Tunnel Engi. Er ist 500 Meter lang und führt von Wil her unterirdisch in Richtung Bütschwil (siehe Skizze unten). «Hier mussten wir zuerst die Erde ausheben und dann den Betonklotz hinein bauen.» Allgemein wird auf der Baustelle in Bütschwil alles unter der Erde gebaut. Einzig ein kleiner Tunnel kurz vor Wattwil wird oberflächlich gebaut.

Ruedi Vögeli zeigt mir die Notausgänge im Tunnel: «Nachdem es mehrere Tunnelbrände in der Schweiz gegeben hat, wurden die Auflagen strenger. Tunnel die länger als 300 Meter sind, brauchen einen Notausgang.»

Der erste Teil der Umfahrung ist fertig. 500 Meter lang ist dieser Tunnel. (Bild: Lara Abderhalden)

Der erste Teil der Umfahrung ist fertig. 500 Meter lang ist dieser Tunnel. (Bild: Lara Abderhalden)

Viele Naturschutz-Auflagen

Langsam fahren wir durch den in Zukunft mit Tempo 80 km/h regulierten Tunnel. Ruedi Vögeli erklärt mir die einzelnen Schritte, die es für den Bau eines Tunnels braucht. «Eine der grössten Herausforderungen ist das Abheben der oberen Erdschichten. Der sogenannte Humus, die oberste Erdschicht und die Muttererde, die zweite Schicht, dürfen nicht einfach nach Belieben ausgehoben werden.» Der Naturschutz habe da ein paar Wörtchen mitzureden. Aus umwelttechnischen Gründen darf die Erde nur zu einer gewissen Zeit im Jahr abgeschöpft werden. Ausserdem muss die Erde dann speziell aufbewahrt werden: «Wir müssen genau 1,5 Meter hohe Haufen machen. Die Erde muss regelmässig gepflegt werden.» Das heisst, es muss Gras gesät werden, dieses Gras muss die gleiche Art haben, die auch auf den umliegenden Wiesen vorkommt.

Die obersten Erdschichten müssen aufbewahrt und gepflegt werden. (Bild: Lara Abderhalden)

Die obersten Erdschichten müssen aufbewahrt und gepflegt werden. (Bild: Lara Abderhalden)

«Es gibt sehr viele Vorlagen des Naturschutzes, die wir erfüllen müssen.» Bei der Thur Brücke beispielsweise, die ganz am Ende der Umfahrung entsteht, dürfen keine Pfeiler in die Thur kommen. Wegen der Fische müssen die Pfeiler, welche zum Bau benötigt werden, zu einem gewissen Zeitpunkt wieder abgebrochen und durch Stahlseile ersetzt werden, welche die Brücke dann alleine tragen. Beim Abbruch der Pfeiler muss darauf geachtet werden, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen Laich im Fluss hat.

Die Pfeiler unten an der Brücke werden aus Umweltschutzgründen wieder abmontiert (Bild: Lara Abderhalden)

Die Pfeiler unten an der Brücke werden aus Umweltschutzgründen wieder abmontiert (Bild: Lara Abderhalden)

Auf der rund 3,6 Kilometer langen Baustelle läuft im Moment alles nach Zeitplan. Es wird fleissig gesprengt, Erde ausgehoben und Betonpfeiler eingesetzt. Wir passieren eine Strasse, welche mit einem Lärmschutz versehen ist. Einige Bütschwiler hatten sich wegen des Lärms beklagt. Deshalb musste ein Lärmschutz angebracht werden, allerdings nicht irgendeiner: «Der Lärmschutz sollte in das Ortsbild passen, deshalb haben wir einen Künstler engagiert. Dieser hat nun die Schutzmauer so angemalt, dass sie zu den umliegenden Häusern passt.» Man wollte nicht das Bütschwil durch eine graue Mauer getrennt wird. Deshalb habe man die Mauer farblich angepasst.

Damit der Lärmschutz das Ortsbild nicht stört, wurde er farblich angepasst. (Bild: Lara Abderhalden)

Damit der Lärmschutz das Ortsbild nicht stört, wurde er farblich angepasst. (Bild: Lara Abderhalden)

Sprengungen müssen angekündigt werden

Mit Helm und Leuchtweste geht es nun in den tiefen Grab, in welchem der zweite von vier Tunnels entsteht. Arbeiter sind dabei die Wände zu betonieren, Stahlseile anzubringen und Leitungen zu verlegen. «Wir müssen immer schauen, dass wir das Grundwasser nicht verdrecken oder unterbrechen. Deshalb werden Gräben unter dem Tunnel gemacht, durch welche das Wasser fliessen kann.»

Heute arbeiten die Handwerker auf der Baustelle kurzärmlig. Dies war aber nicht immer so: «Wir mussten den Betrieb manchmal einstellen, weil es einfach zu kalt zum Arbeiten war.» Weil sich die Kälte im Graben sammelt und man sie nur schwer wieder rauskriegt, musste die Baustelle auch schon gesperrt werden.»

Rund 50 Arbeiter sind auf der Baustelle aktuell im Einsatz: «Jeder hat seine Aufgabe und weiss was zu tun ist.»

Mittlerweile stehen wir neben dem Sprengmeister. Dieser ist dafür zuständig, dass der Fels zerkleinert wird und dann ausgehoben werden kann. «Es wird gleich eine Sprengung geben», sagt er. Eigentlich ist der Sprengmeister pensioniert. Weil er seinen Job gerne macht und «sonst nur der Frau auf den Wecker geht», führt er auf der Baustelle noch Sprengungen durch.

Eine Sprengung wird vorbereitet. (Bild: Lara Abderhalden)

Eine Sprengung wird vorbereitet. (Bild: Lara Abderhalden)

Der Sprengmeister erklärt: «Wir müssen die Sprengungen immer dem Zugfahrplan anpassen. Während wir sprengen dürfen keine Züge fahren.» Deshalb wird der SBB jedes Mal mitgeteilt, wenn eine Sprengung durchgeführt wird. Genau wie den umliegenden Firmen. «Die Maschinen der Firmen arbeiten zum Teil sehr detailliert. Die Erschütterung, die es durch die Sprengung gibt, kann diese Arbeit beeinträchtigen», erklärt Ruedi Vögeli. Deshalb werden in den Firmen während der Sprengungen teilweise die Maschinen heruntergefahren.

Carwash auf der Baustelle

Uns kommt ein bis oben mit Dreck gefüllter Lastwagen entgegen. Seine Pneus sind von der Baustelle braun und klebrig. «Die Fahrzeuge dürfen so nicht auf die Strasse. Deshalb haben wir hier unsere eigene Waschanlage.» Ruedi Vögeli zeigt auf ein kleine Anlage. «Fährt ein Fahrzeug dort durch, wird ein Spritzmechanismus in Gang gesetzt, der das Fahrzeug säubert.» Der Projektleiter erzählt, wie Besucher der Baustelle schon aus Versehen durch die Anlage gelaufen seien und «pflotschnass» wurden. Ausserdem würden die Strassen auf der Baustelle gesalzen: «Dadurch wird der Staub weniger aufgewirbelt.»

Ein Fahrzeug wird in der Anlage gewaschen (Bild: Lara Abderhalden)

Ein Fahrzeug wird in der Anlage gewaschen (Bild: Lara Abderhalden)

Bevölkerung interessiert sich für die Baustelle

Das Interesse der Bevölkerung an der Umfahrung Bütschwil ist riesig: «Bei einem Besuchstag im August hatten wir 1200 Besucher.» Ausserdem würden sich die Anwohner immer wieder über den aktuellen Stand erkundigen.

Ein lauter Knall ist zu hören. «Das war die Sprengung», erklärt Vögeli. Ein Bauleiter telefoniert mit dem Zugbetreiber: «Ihr dürft jetzt wieder vorbeifahren. Die Sprengung ist vorbei.»

Für mich ist die Führung von Ruedi Vögeli schon fast vorüber. Er zeigt mir noch, wo die Umfahrung endet, erklärt die unterschiedlichen Tunnelbauarten und welche Maschinen dafür eingesetzt werden. Wir können gar in den Hohlraum einer Brücke hinuntersteigen. «Interessant.»

Die Worte «interessant», «oh» oder «spannend» sind allgemein die einzigen Worte, welche ich auf der kompletten Führung heraus bringe. Nie hätte ich erstens gedacht, dass Baustellen spannend sein können, zweitens, welche Dimensionen die Baustelle der Umfahrung Bütschwil hat, und wie viele Dinge es zu beachten gibt.

Staunend setzte ich mich ins Auto und entferne mich von der Baustelle. Es geht nicht lange bis ich vor einer Barriere stehen bleibe. Schon will ich fluchend die Hände verwerfen und ein ‘Scheisse’ gegen die Windschutzscheibe hauchen, doch irgendwie muss ich stattdessen lächeln. Ich weiss jetzt, dass ich dank der Umfahrung Bütschwil, schon in wenigen Jahren deutlich stressfreier ins Toggenburg werde fahren können. Und vor allem weiss ich jetzt, was für ein «Hosenlupf» das Grossprojekt ist.

Video von der Baustelle:

Skizze der ganzen Umfahrung:

Die rote Linie zeigt die ganze Umfahrung. (Bild: zVg)


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