Die Schweizer Innenverteidiger und ihre offensive Strategie

Johan Djourou, der Schweizer Abwehrpatron
Johan Djourou, der Schweizer Abwehrpatron © KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Sie interpretieren ihre Rolle mit viel Freiraum: Johan Djourou und Fabian Schär, die teilweise unkonventionellen, aber im positiven Sinn unberechenbaren Abwehrorganisatoren.

Rückblende, São Paulo 2014. Bis zur 118. Minute hatten sich die Schweizer gegen Argentinien im WM-Achtelfinal gegen das Out gestemmt. Dann setzte Lionel Messi zum unwiderstehlichen Sprint an, der Rest ist bekannt. Angel Di Maria markierte das 1:0, Ottmar Hitzfelds Ära endete in der brasilianischen Glutofenhitze im schon fast dramatischen Stil.

Djourou sitzt im Stadion von Montpellier auf einem kleinen Holztisch und erinnert sich: “Wir haben uns gut gewehrt.” Er habe trotz des späten Gegentreffers gute Souvenirs an das zähe Duell mit den südamerikanischen Superstars um Messi. Neben ihm verteidigte in der Arena Corinthians Fabian Schär.

Zwei Jahre später wird der Ex-Basler zusammen mit dem charismatischen HSV-Captain gegen Albanien erneut versuchen, die Schweizer Equipe in einem kursweisenden Spiel vor Schwierigkeiten zu bewahren. Vor allem hinter Schär liegt eine Saison mit mehr Tiefen als Höhen. In Hoffenheim lernte er nach dem jahrelangen Basler Meisterrausch das Sumpfgebiet der deutschen Liga kennen.

“Ich rechnete nicht damit, so tief in den Abstiegskampf zu geraten”, gibt der 24-Jährige zu und zieht nach dem ersten Jahr bei der TSG selbstkritisch Bilanz: “Während der Vorrunde habe ich selber die Leistung nicht gebracht.” Ihn bestärke aber, wie er mit der ungemütlichen Situation umgegangen sei: “Ich konnte mich rauskämpfen und fand wieder zur Form zurück.”

Während der EM-Ausscheidung setzte Vladimir Petkovic im defensiven Zentrum auf fünf verschiedene Kombinationen; Djourou gehörte in acht von zehn Partien zur Startformation – nur gegen Slowenien (3:2) und in England (0:2) fehlte er verletzt. An seiner Rolle zweifelt niemand, auch wenn Djourou selber denkt, es sei unerheblich, “wer der Patron ist”. Von der Harmonie hänge mehr ab.

Für Schär die Rollenverteilung klar: “Er ist hinten der Chef. Von Johans enormer Erfahrung kann ich viel profitieren.” Zum früheren Arsenal-Professional schaut der selbstbewusste Ostschweizer auf: “Er hat für absolute Topklubs gespielt und einiges erlebt während seiner Karriere.”

Djourou lächelt, die Komplimente gefallen ihm. Für seinen Partner hat er ebenfalls ein paar nette zur Hand: “Er kann das Spiel überragend gut auslösen, seine Diagonalbälle sind wichtig für uns. Wir sind generell ein Duo, das sich gut ergänzt.”

Dass Schär und Djourou ihre Kernaufgabe auf dem Rasen verhältnismässig offensiv interpretieren, dürfte die EM-Konkurrenz registriert haben; der Rückzug ins Réduit ist in ihren stragischen Überlegungen erst in zweiter Linie vorgesehen. Die beidseits ausgeprägte Risikobereitschaft blieb in der jüngeren Vergangenheit nicht immer folgenlos.

Nicht immer galt in der Schweizer Verteidigerkette der Grundsatz Safety first. Djourou blendet die Sicherheitsbedenken nicht vollumfänglich aus: “Wir müssen unseren Job machen.” Vor dem spektakulären Vorstoss kommt der profane Zweikampf.

Djourou, seinerseits inzwischen vierfacher EM- und WM-Teilnehmer, kennt das Anforderungsprofil der höchsten europäischen Kategorie: Fehltritte sind in der Regel schwieriger zu korrigieren als bei einem globalen Turnier: “An einer EM ist die Qualität der Gegner höher.”

(SDA)


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