Die schwierige Ungewissheit im Höllloch

Von Lara Abderhalden
Thomas Bär ist ein leidenschaftlicher Höhlengänger - seinen 30. Geburtstag hat er allerdings eingesperrt im Hölloch verbracht.
Thomas Bär ist ein leidenschaftlicher Höhlengänger - seinen 30. Geburtstag hat er allerdings eingesperrt im Hölloch verbracht. © PD
Thomas Bär und seine Kollegen waren vor einem Monat während sieben Tagen im Hölloch im Muotatal eingeschlossen. Der Maienfelder feierte dort sogar seinen 30. Geburtstag. Abgesehen von der Dunkelheit und Ungewissheit, war es für ihn eine positive Erfahrung.


«Am meisten eingefahren ist mir die Ungewissheit. Wir wussten nicht, ob wir aus diesem Loch wieder herauskommen. Wir wussten nicht, ob Retter unterwegs sind, oder ob das Essen ausreicht. Wir wussten nicht, ob wir in Gefahr sind. Ja, die Ungewissheit war am Anfang allgegenwärtig», sagt Thomas Bär. Der 30-jährige Maienfelder gehört zur Gruppe, die während sieben Tagen im Hölloch im Muotatal fest sass, weil Wasser den Ausgang blockierte.

Aus ein paar Stunden wurden Tage

«Ich kann mich noch gut an den Zeitpunkt erinnern, an dem wir erfahren haben, dass wir eingeschlossen sind.» Thomas Bär und seine Kollegen seien vor einem Wasserfall gestanden, der in einem Wasserbecken mündete. Dieses Wasserbecken habe den Guide verunsichert: «Für uns war es nichts Aussergewöhnliches. Er sagte uns aber, dass das gefüllte Wasserbecken ein Zeichen dafür sei, dass auch der Ausgang blockiert sei.»

Unsicher sei die Gruppe dem Guide zurück zum Biwak gefolgt. Dort wurde das weitere Vorgehen besprochen: «Am Anfang dachten wir, dass es vielleicht ein paar Stunden gehen würde bis wir wieder draussen wären.» Aus den paar Stunden wurde bald die Prognose von zwei Tagen. «In diesem Moment kam die Ungewissheit.»

Kaum seien die Retter zu den Eingeschlossenen gelangt, kam Hoffnung auf. «Uns wurde bestätigt, dass wir in Sicherheit sind, genügend zu Essen haben und wir wieder raus kommen würden.»

Doch die Lage hatte sich auch zwei Tage später noch nicht verbessert: «Es ist natürlich schon nicht einfach, wenn es immer wieder heisst, am Dienstag kommt ihr raus, dann wird es Donnerstag und aus Donnerstag Samstag. Machen konnten wir nichts. Wir mussten das so hinnehmen.»

«Ich sagte meiner Familie, dass ich zurecht komme»

Nicht zu viel über das eingeschlossen sein nachdenken, hatte sich die Gruppe vorgenommen und dafür hatten sie auch keine Zeit. Die Kollegen mussten einem strukturierten Tagesablauf folgen. Ihnen wurden verschiedene Aufgaben von den Rettern aufgetragen. Nebst dem üblichen Lageralltag mussten sie verschiedene andere Lager aufsuchen und Nahrungsmittel sammeln, bei Messungen helfen oder sie errichteten eine Skulptur, die an den Einschluss erinnern sollte.

«Im Laufe der Tage haben wir uns mit der Situation abgefunden.» Schwieriger sei es für die Angehörigen gewesen. Am Anfang der Tour musste die Gruppe eine Notfallnummer hinterlassen, darüber wurden die Angehörigen bereits am Sonntag informiert: «Sie konnten allerdings nicht ahnen, wie es uns geht.» Dennoch wurden sie laufend informiert und hatten sogar die Möglichkeit, über einen SMS-Dienst der Einsatzzentrale mit den Eingeschlossenen zu kommunizieren.

«Ich sagte meinen Angehörigen, dass ich gut zurecht komme. Dass sie sich keine Sorgen machen müssen und dass ich mich freue, wenn wir uns möglichst bald wieder sehen.»

«Wir konnten zwei Meter weit sehen»

Kontakt zur Aussenwelt gab es ansonsten keinen. Alles, was die Eingeschlossenen sahen war, was sich zwei Meter vor ihrer Stirnlampe abspielte. «Speziell war, dass es immer dunkel blieb. 24 Stunden Dunkelheit. 24 Stunden eine Taschenlampe oder eine Stirnlampe zur Hand.» Die Kälte hätten sie irgendwann nicht mehr gespürt, da es konstant immer fünf Grad war. Auch eng sei es nicht gewesen: «Der Aufenthaltsort hatte die Grösse einer Kathedrale. Wir konnten uns gut bewegen.»

«Es lagen so viele Gerüche in der Luft»

Trotzdem kann sich Thomas Bär noch an das erlösende Gefühl erinnern, das ihn überkam, als er nach sieben Tagen, durch das noch hüfthohe Wasser, endlich zurück ins Freie watete. «Als erstes ist mir die Luft aufgefallen. Sie war frisch. So viele Gerüche, denen man sich gar nicht bewusst ist.» Unglaublich schön sei auch die Weite gewesen. «Endlich konnten wir in der Ferne wieder etwas sehen.»

Das Höllloch-Erlebnis ist nun einen Monat her. Genau gleich lang ist Thomas Bär nun 30 Jahre alt. Der Maienfelder feierte im Hölloch seinen Geburtstag. «Dieser Geburtstag wird mir bestimmt ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Ich hatte einen schönen Geburtstag. Meine besten Freunde waren da und hatten nicht mal die Möglichkeit abzuhauen», sagt Thomas Bär und lächelt.

Mittlerweile sind es hauptsächlich die positiven Erinnerungen, die überwiegen, wenn er zurück denkt. Er würde auch sofort wieder in eine Höhle nur «vielleicht nicht gerade in den nächsten Wochen.»

(abl)


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