Die «Sonne» geht unter

Von Vanessa Kobelt
Bigi und Stammgast Sepp können es nicht glauben. Dass die "Sonne" schliesst, ist für sie Herzschmerz pur.
Bigi und Stammgast Sepp können es nicht glauben. Dass die "Sonne" schliesst, ist für sie Herzschmerz pur. © FM1Today/Vanessa Kobelt
Die «Sonne», eines der ältesten Lokale in Oberriet, schliesst am Samstag definitiv seine Türen. Grund dafür sind Lärmklagen aus der Nachbarschaft. Viele Stammgäste sind fassungslos.

Am Wochenende klirren im Restaurant «Sonne» in Oberriet ein letzes Mal die Gläser. Das Kult-Lokal, welches bereits vor 1920 gebaut wurde und bis zum Schluss gut besucht war, lädt am Samstag zum «Ustrinkata» ein. Grund ist ein Nachbarschaftsstreit, der den Geschäftsführern den letzten Nerv geraubt hat.

Wo sich Lehrling und Pensionist treffen

Ob für ein Konzert, ein Feierabendbier, einen Snack oder eine Partynacht – fast jeder in der Gemeinde Oberriet und Umgebung hat der «Sonne» schon mal einen Besuch abgestattet. Fungierte es früher noch als Restaurant, war es zuletzt mehr eine Beiz für Jedermann. Geführt wurde es die letzten sechs Jahre von den beiden Geschäftsführern Roger Loher und Marcel Oesch. «Es ist ein Lokal, wo sich Jung und Alt getroffen haben», sagt Marcel Oesch. «Hier haben Lehrlinge und Pensionisten zusammen Bier getrunken. Auch viele ‹Büezer› haben uns nach dem Feierabend besucht. »

«Es hat uns die Freude genommen»

Nun wird schon bald das allerletzte Bier ausgeschenkt. Ein ständiger Streit mit den Nachbarn ist der «Sonne» zum Verhängnis geworden. «Früher konnten wir viele Konzerte in der Sonne veranstalten. Dann gab es immer mehr Reklamationen von den Nachbarn und jetzt haben wir einfach keine Lust mehr. Die ständigen Reklamationen haben uns einfach die Freude genommen», sagt Marcel Oesch. «Eine Gastronomie macht Lärm und das ist heutzutage im Dorfzentrum nicht mehr willkommen. Neue Nachbarn, neue Probleme.»

Die Schliessung der Sonne ist sowohl für die Stammgäste, als auch für die Geschäftsführer eine bittere Pille. «Wir finden es sehr schade und es tut weh. Immerhin können wir aber sagen, dass wir die Sonne eigentlich nur fünf Jahre führen wollten, jetzt sind es sogar sechs Jahre geworden. Von dem her passt das schon.» Die Reaktionen aus dem Umfeld seien aber eindeutig, viele Leute fänden es sehr traurig.

«Es ist Herzschmerz pur»

Dass bald zum letzen Mal Gäste in der Sonne erscheinen, berührt Birgit vom Service extrem. Die von den Leuten «Bigi» genannte hat sich stets um das Wohl der Gäste bemüht. «Es ist Herzschmerz pur, ich war wahnsinnig gerne in diesem Lokal. Die Gäste hier sind wunderbar. Ich kenne keinen anderen Ort, wo Leute im Alter von 16 Jahren bis 80 Jahren am gleichen Tisch sitzen, Bier trinken und diskutieren. In der Sonne konnte man auch als Büezer mit dreckigen Hosen einkehren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wahnsinnig viele Leute sind traurig und fragen mich jeden Tag, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, dass die Sonne erhalten bleibt.» Am Samstag werde sie bestimmt ein paar Tränchen vergiessen.

«Ich kann es nicht glauben»

Stammgast Walter aus Oberriet schätzte es vor allem, dass man sich, anders als früher, mit den Überhosen an den Tisch setzen konnte. «Ich weiss noch, vor rund 50 Jahren hätte ich als Knecht hier im Restaurant «Sonne» nichts zu suchen gehabt. Damals waren nur gehobene Gäste willkommen. Heute ist es unkompliziert und jeder fühlt sich hier wohl. Ich kann es nicht glauben, dass es bald vorbei ist.»

Auch Sepp aus Montlingen war regelmässig Gast in der Sonne und hat schwer daran zu schlucken, dass es bald vorbei ist. «Das Beizensterben ist ein Problem, das wir in der ganzen Region haben. Nun stellt sich die Frage: Wohin sollen wir denn jetzt gehen? Dies war der ideale Treffpunkt für den Mittelstand. Ich würde mir wünschen, dass die Sonne wieder aufgeht. »

Gerüchte-Küche brodelt

Wie es am Standort der Sonne weiter geht, kann auch Geschäftsführer Marcel Oesch nicht sagen. «Man hört so einiges, vom Puff bis zu Alterswohnungen, die Gerüchte-Küche brodelt.» Der Besitzer der Sonne möchte sich dazu noch nicht äussern und die Gemeinde Oberriet war für eine Auskunft nicht erreichbar. Eines ist klar: Wenn diesen Samstag in der Sonne das letzte Bier getrunken ist, stirbt für viele Bewohner ein bisschen Oberriet.

(kov)


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