Die Turner kämpfen um die ersten Olympia-Tickets

Giulia Steingruber strebt an den Turn-Weltmeisterschaften in Glasgow drei Finalteilnahmen an.
Giulia Steingruber strebt an den Turn-Weltmeisterschaften in Glasgow drei Finalteilnahmen an. © KEYSTONE/EPA/VASSIL DONEV
Heute in Glasgow beginnt für die Turner der Kampf um die Olympia-Tickets. Das Schweizer Männer-Team träumt von der ersten Olympiateilnahme seit 1992. Giulia Steingruber strebt drei Finalteilnahmen an.

Knapp vier Jahre sind seit der Schmach an der WM in Tokio vergangen, als das Schweizer Männer-Team die Top 16 und damit sogar die Teilnahme für den olympischen Testevent in London verpasst hatte. Ein ähnliches Desaster zeichnet sich in Glasgow nicht ab – im Gegenteil. Die Chancen, dass sich die Schweizer Männer-Riege erstmals seit Barcelona 1992 wieder als Team für die Olympischen Spiele qualifiziert, sind intakt. “Es gibt ein Ziel, es herrscht ein Geist. Jeder will”, beschreibt Nationaltrainer Bernhard Fluck, der seit sieben Jahren in der Verantwortung steht, die Ausgangslage.

Fluck kann mit Ausnahme des verletzten Benjamin Gischard und des inzwischen zurückgetretenen Lucas Fischer aus dem Vollen schöpfen. Dass er so viele Mehrkämpfer habe, sei genial und einmalig. Pablo Brägger, Claudio Capelli, Oliver Hegi, Christian Baumann, Eddy Yusof, Pascal Bucher und Kevin Rossi sollen es in der Qualifikation am frühen Sonntagnachmittag richten. Platz 12 ist das definierte Verbandsziel, der Einzug in den Final der besten acht und die direkte Qualifikation für Rio sind allerdings nicht ausser Reichweite. “Für das Erreichen der ersten acht muss alles aufgehen”, so Fluck. “Aber nichts ist unmöglich.” Dass es möglich ist, bewiesen die Schweizer vor einem Jahr in Nanning, als sie mit Rang 7 das beste WM-Ergebnis seit 40 Jahren erzielten.

An den einzelnen Geräten haben der EM-Zweite Christian Baumann am Barren sowie Pablo Brägger und Oliver Hegi am Reck am ehesten eine Chance auf die Final-Qualifikation. Im Vordergrund steht aber bei allen das Teamresultat. “Wir müssen sicher und sauber turnen – und daran glauben. Dann können wir es schaffen”, so Baumann, mit 20 Jahren der Jüngste im Schweizer Team.

Giulia Steingruber: Drei Finals als Zielsetzung

Bei den Frauen, die sich Platz 16 und die Teilnahme am Testevent im April zum Ziel gesetzt haben, steht einmal mehr Giulia Steingruber im Fokus. Die 21-jährige Gossauerin erreichte nach der verpatzten WM 2014 in Nanning in diesem Jahr mit dem Erringen des EM-Titels im Mehrkampf und dem Gewinn von vier Mal Edelmetall an den Europa-Spielen neue Sphären. Eine Medaille an Weltmeisterschaften fehlt aber weiterhin in Steingrubers Palmares. Am Sprung, ihrer früheren Spezialdisziplin, verpasste sie Edelmetall in Tokio (2011/Platz 5), Antwerpen (2013/4) und Nanning (2014/5) dreimal in Folge knapp.

Auch in Glasgow hat die St. Gallerin im Kampf um die Podestplätze nur Aussenseiterchancen. “Die Konkurrenz am Sprung wird immer härter”, so Steingruber. Gerade beim Schwierigkeitsgrad kann die zweifache Europameisterin mit den Athletinnen aus den USA, Russland und Nordkorea nicht mithalten. Und aus kleineren Nationen gibt es immer mehr Athletinnen, die sich ausschliesslich auf den Sprung fokussieren. Mit dem Tschussowitina und dem Jurtschenko mit Doppelschraube zeigt Steingruber noch immer das gleiche Programm wie vor zwei Jahren in Antwerpen. Die Arbeit an einem neuen, schwierigeren Sprung musste sie wegen ihrem chargierten Programm und dem Trainingsunfall Ende August, als sie nach einem Sturz vom Stufenbarren fast drei Wochen aussetzen musste, einmal mehr verschieben. Die Zeit bis Rio drängt. Mit dem olympischen Testevent im April taucht nach Glasgow bereits der nächste wichtige Termin am Horizont auf. “Dann ist Deadline für einen allfälligen neuen Sprung”, sagte Cheftrainer Zoltan Jordanov.

Mittlerweile hat Steingruber am Boden mindesten so gute Aussichten auf eine Top-Rangierung wie am Sprung. Im Hinblick auf die WM hat die EM-Dritte von Montpellier eine neue Übung einstudiert, die in den ersten beiden Diagonalen zwei Höchstschwierigkeiten beinhaltet. Im Mehrkampf ist ein Platz in den Top 10 realistisch, bei idealem Wettkampfverlauf traut Jordanov seinem Aushängeschild sogar Rang 6 zu. Und auch am Schwebebalken ist eine Final-Teilnahme nicht illusorisch. Steingruber schaut wie immer nicht zu weit voraus: “Ich nehme Schritt für Schritt. Aber drei Finals sind das Ziel.”

Mit Douglas, ohne Mustafina und Ponor

Bei den Frauen sind die USA mit Mehrkampf-Titelverteidigerin Simone Biles die haushohen Favoritinnen. Gespannt darf man auf den Auftritt von Gabrielle Douglas sein. Die Mehrkampf-Olympiasiegerin von London kehrt ebenso wie Aly Raisman nach einer Auszeit auf die grosse Bühne zurück. Die prominenteste Abwesende in Glasgow ist Aliya Mustafina. Die russische Olympiasiegerin am Stufenbarren und Mehrkampf-Siegerin der Europa-Spiele (vor Steingruber) verzichtet wegen Rückenproblemen auf die Teilnahme. Ebenfalls Forfait erklärte die dreifache Olympiasiegerin Catalina Ponor. Die 28-jährige Rumänin musste ihr internationales Comeback wegen einer Knieverletzung verschieben.

(SI)


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