Die unbegreifliche Ausgrenzung der Routiniers

Selbst der grosse Jörg Abderhalden musste sich dem Gesetz des Alters beugen
Selbst der grosse Jörg Abderhalden musste sich dem Gesetz des Alters beugen © KEYSTONE/URS FLUEELER

Wer 30 Jahre oder älter ist, kann nicht Schwingerkönig werden. So will es ein ungeschriebenes Gesetz, das seit 76 Jahren gilt. Wird es am Eidgenössischen Fest in Estavayer endlich gebrochen?

Ein Eidgenössisches Schwingfest über zwei Tage müsste etwas für ältere, routinierte Schwinger sein. So könnte man glauben. Die Geschichte lehrt jedoch etwas ganz anderes. Von den 45 Schwingerkönigen, die seit dem ersten Eidgenössischen 1895 in Biel ausgezeichnet wurden, waren nur gerade drei älter als 30-jährig. Alle drei waren 31, als ihnen der Triumph gelang: Gottlieb Salzmann aus Schangnau 1919 in Langenthal, Karl Thommen aus Zürich 1923 in Vevey und Werner Bürki aus Bern-Bümpliz 1940 in Solothurn. Einen 30-jährigen Schwingerkönig sucht man vergebens. Dies wiederum bedeutet, dass seit 1940, seit 76 Jahren, jeder Festsieger höchstens 29 Jahre alt war. Die Eidgenössischen Feste scheinen also gleichsam mit einer Altersklausel versehen zu sein, magisch bestimmt von einem ungeschriebenen Gesetz.

Wird der gegen die älteren Schwinger verhängte Bann am kommenden Wochenende in Estavayer nicht aufgehoben, bedeutet dieses, dass weder Titelverteidiger Matthias Sempach – er hat die 30er-Marke knapp überschritten – noch sein Freund und Berner Mitstreiter Christian Stucki, 31-jährig, Schwingerkönig werden können. Und schon gar nicht die prominenten Oldies Arnold Forrer und Martin Grab, die je 37 Jahre auf dem Buckel haben.

Nichtsdestoweniger werden sie alle natürlich versuchen, die unerbittliche Regel zu brechen. Aber selbst über Jörg Abderhalden, dem erfolgreichsten Schwinger der Geschichte, sauste die Altersguillotine nieder. Drei Jahre nach seinem dritten und letzten Königstitel, errungen 2007 in Aarau, stellte er sich mit exakt 31 Jahren in Frauenfeld noch einmal der zum Teil viel jüngeren Konkurrenz. Er fiel jedoch recht früh aus der Entscheidung, nachdem ihn der nachmalige Festsieger Kilian Wenger am Sonntagmorgen im 5. Gang am Boden auf den Rücken gedrückt hatte.

Nach unten sind einem Königsanwärter altersmässig kaum Grenzen gesetzt. Allerdings muss einer zwingend in Zwilchhosen antreten, Windeln sind nicht erlaubt. Der jüngste König ist bis heute Adrian Käser. Der Berner aus Alchenstorf war bei seinem Triumph 1989 in Stans im Schlussgang gegen den hohen Favoriten Eugen Hasler 18 Jahre alt. Der jüngste König der neueren Geschichte ist Kilian Wenger. Der Berner Oberländer aus dem Diemtigtal siegte 2010 in Frauenfeld als 20-Jähriger. Das Gros der Schwingerkönige war zwischen 22 und 27 Jahre alt.

Was aber hält die Älteren vom grössten Triumph ab, den sie oftmals redlich verdient hätten? Ein Faktor ist mit Sicherheit das Durchhaltevermögen an einem Fest über zwei Tage und über acht Gänge. Oft schon konnte beobachtet werden, dass die Routiniers am Sonntag, wenn die Zuschauer immer lauter, die Aussenseiter immer frecher und die Gänge immer länger werden, nicht mehr zusetzen können. Es kann auch mentale und nervliche Gründe haben. Jüngere Schwinger können sich, auch wenn sie zu den Favoriten gehören, eher auf ihre Unbekümmertheit verlassen, während den älteren Schwingern der Vorteil der Erfahrung in der Hitze der letzten Gänge nicht viel nützt.

(SDA)


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