Diese Software steuert uns beim Einkauf

Von Felix Unholz
25 Mitarbeiter arbeiten in Berlin und hier in St.Gallen an der künstlichen Shopping-Intelligenz.
25 Mitarbeiter arbeiten in Berlin und hier in St.Gallen an der künstlichen Shopping-Intelligenz. © FM1Today/Felix Unholz
Ein St.Galler Start-up programmiert gerade das persönliche Shopping-Erlebnis von morgen. Wir sagen euch schon heute, wie uns künstliche Intelligenz in Zukunft beim Einkaufen beeinflussen könnte.

«Wir glauben, dass wir in fünf Jahren eine künstliche Intelligenz entwickelt haben, die besser als der Mensch entscheiden kann, wie man Menschen glücklich macht», meint Co-Gründer Iman Nahvi selbstbewusst. Seine Firma Advertima wurde am Worldwebforum kürzlich zum «coolsten Start-up der Schweiz» gewählt. Das Programm, das sein Start-up mit 25 Mitarbeitern in Berlin und St.Gallen entwickelt, soll uns beim Einkaufen mit auf uns zugeschnittenen Informationen versorgen.

Personalisierte Werbung im Supermarkt

Wenn beispielsweise eine Gruppe von Männern ein Shoppingzentrum betritt, erkennt die Software sie bereits im Voraus mittels Sensoren von Kameras und Mikrofonen. «Dann kommt genau zum richtigen Zeitpunkt ein Videoclip mit dem Slogan: Echte Männer kaufen in Schuhladen xy ein.» Personalisierte Werbung – aber nicht auf Facebook, sondern direkt auf dem Display im Supermarkt.

Firmengründer Iman Nahvi will die Zukunft des Einkaufens verändern.

Firmengründer Iman Nahvi will die Zukunft des Einkaufens mitbestimmen. (FM1Today/Felix Unholz)

Zu Testzwecken ist die Software von Advertima bereits bei einem grossen Schweizer Detailhändler im Einsatz. Ein St.Galler Optiker stellte einen digitalen Spiegel in sein Schaufenster. «Wenn man daran vorbeigelaufen ist, bekam man Brillen angezeigt, beispielsweise ein Männermodell in einer passenden Farbe.»

Digitaler Bazar-Verkäufer

Nahvi sieht das Potenzial aber nicht auf die Display-Werbung beschränkt. Ziel sei es, dass die Software wie ein Bazar-Verkäufer grosse Menschenmengen in kurzer Zeit analysieren könne. «Die Software soll in Echtzeit Entscheidungen treffen, wen sie wie ansprechen muss, um ein gewisses Produkt zu verkaufen.» Bereits jetzt registriert sie negative oder positive Emotionen und reagiert dementsprechend.

Theoretisch wäre es sogar möglich, Daten von Internetprofilen mit den Kunden vor Ort zu verknüpfen. Dies sei jedoch nicht geplant. Der Datenschutz liege ihm sehr am Herzen, betont Nahvi mehrfach. «Unsere Software speichert keine Bilder. Wir können Menschen nicht wiedererkennen und das wollen wir auch nicht.» Gespeichert werden allgemeine biometrische Profile, so genannte Personas.

Die Software weiss, wer vor ihr steht

Anhand von äusserlich erkennbaren Eigenschaften wie Alter, Geschlecht oder Kleiderfarbe reagiert die Software auf die Menschen. Zur Weihnachtszeit testete Advertima in einem grossen Schweizer Einkaufszentrum eine spielerische Form. Kunden, die vor einem grossen Bildschirm standen, sahen sich selbst in einen Wichtel verwandelt, der ihre Bewegungen nachmachte. 5’000 Menschen liessen sich davon in den Bann ziehen.

Das Wort Manipulation hört Nahvi nicht gerne im Zusammenhang mit seiner Firma. «Über 80 Prozent aller Informationen, die Menschen sehen, sind für sie nicht relevant.» Ziel seiner Software sei es, den Menschen wirklich nützliche Informationen anzuzeigen und damit ein neues Einkaufserlebnis zu schaffen.

Non, je ne regrette rien

Ein Erlebnis ist es bestimmt, falls Nahvis Vision bald Wirklichkeit werden sollte: «Wenn sich zwei Frauen nähern, die französisch reden, könnte die Software entscheiden: In fünf Sekunden werde ich das Licht im Laden auf 60 Prozent dimmen, französische Informationen anzeigen und den Chanson ‹Non, je ne regrette rien› laufen lassen.» Schöne Zukunftsmusik!


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