Ein historisches FCSG-Debakel in Noten

Von Marco Latzer
Der FC St.Gallen wird von Basel im eigenen Stadion mit 0:7 vom Platz gefegt. Es ist die höchste Heimpleite seit 1974 im altehrwürdigen Espenmoos. Mit einer Defensivstrategie angetreten, klingelte es dennoch ein ums andere Mal im Kasten. Eine Pleite für die Geschichtsbücher. Hier geht es zu den Spielernoten.

Zuerst zu einer Grundsatzfrage: Darf man einer Fussballmannschaft in einer möglichst sachlichen Bewertung elf Mal die Note 1 geben? Oder wäre das unverhältnismässig, gar zu reisserisch? Die Versuchung wäre nach dem 0:7 gegen Basel schon verdammt gross. Und zugegeben: Kollektiv hätte sich der FCSG eine tiefstmögliche Bewertung nach dieser Rekordschlappe redlich verdient. Aber es wäre unredlich denjenigen gegenüber, die sich zumindest ansatzweise gegen die historische Pleite zur Wehr setzen wollten.

Tor:

Daniel Lopar. Note: 3,0. Nein, am Torhüter lag es auch heute wieder nicht. Konnte sich aber selbst kaum auszeichnen und musste Mal für Mal hinter sich greifen. Bleibt zu hoffen, dass er sich vom vielen Bücken keinen Bandscheibenvorfall eingefangen hat, denn der FCSG braucht ihn am Mittwoch wieder in Topform.

Verteidigung:

Silvan Hefti. Note: 2,0. Ein weiterer Lehrblätz für den Nachwuchsspieler, der neben Gelmi zum Senkrechtstarter dieser Saison hätte avancieren können. Nun erleidet der junge Ostschweizer gegen Basel die nächste Bruchlandung. Völlig überfordert gegen einen äusserst spielfreudigen Tabellenführer.

Martin Angha. Note: 1,0. Eine solche Null-Leistung eines St.Galler Captains hat man noch selten gesehen. Routine ist eigentlich vorhanden, kopfballstark wäre er ja auch, aber taktisch hoffnungslos überfordert. Die Basler spielten mit ihm Mal für Mal Katz und Maus; dazu noch das Eigentor zum 0:2, der den Untergang seiner Mannschaft einleitete. Mit so einer Leistung reicht es auch in der Feierabendbier-Hobbyliga für keinen Platz in der Startformation.

Alain Wiss. Note: 2,5. Der einzige Fighter weit und breit. Er wollte, er krampfte – am Bemühen scheiterte es bei ihm nicht. Aber auch er zog letztlich einen ganz üblen Nachmittag ein. Als Einziger fand er nach dem Match klare Worte, stand hin und sagte im Stadion-TV: “Ich entschuldige mich bei den Fans!” Seine Kollegen trotteten wortlos in die Kabine, gaben keine Interviews und hatten offenbar nicht den Mut, in der grössten Schmach ihren Mann zu stehen und Farbe zu bekennen. Chapeau!

Florent Hanin. Note: 1,0. Auf demselben Abwehr-Niveau wie Angha. Ein Sicherheitsrisiko mit teils haarsträubenden Ballverlusten, die gut und gerne zu weiteren Gegentoren hätten führen können. Kurzum: ein katastrophaler Auftritt.

Mittelfeld:

Marco Aratore. Note: 1,0. Ihn hat man über 90 Minuten nicht gesehen, war völlig abgemeldet. Im Pausen-Interview hatte er noch gefordert, seine Mannschaft müsse weiterhin kompakt stehen und offensiv mehr riskieren. Nichts davon geschah, auch weil Aratore selbst eine Null-Leistung an den Tag legte.

Danijel Aleksic. Note: 1,5. Einer der wenigen offensiven Aktivposten, dabei aber ohne jegliche Relevanz für den Spielausgang. Schloss sich über weite Strecken dem miserablen Auftritt der Mannschaft an.

Gianluca Gaudino. Note: 1,5. Er ist ein junger Mann, der mit Pauken und Trompeten von Bayern München nach St.Gallen kam. Stand seither – mit einer Ausnahme – stets in der Startformation. Kann gut mit dem Ball umgehen, lieferte aber seit seiner Ankunft noch ziemlich wenige Argumente dafür, weshalb er ständig gesetzt sein müsste. Auch gegen Basel hatte er nicht viel zu melden.

Mario Leitgeb. Note: 1,0. Seine Aufgabe wäre es, Stabilität ins defensive Mittelfeld zu bringen. Der Konjunktiv im vorangegangenen Satz lässt es erahnen: Er tut es nicht. Einmal mehr eine indiskutable Leistung. Der Österreicher bewegt sich in einem ähnlich inferioren Rahmen wie zuletzt Mutsch, welcher der Mannschaft gegen Basel gelbgesperrt fehlte.

Steven Lang. Note: 1,5. Ihn sahen die gegentorerprobten Espen-Fans immerhin ab und an mit dem Ball in der gegnerischen Platzhälfte. Damit hat es sich. Und damit gewinnt auch der dürftig spielende Romand keinen Blumentopf.

Sturm:

Edgar Salli. Note: 2,5. Und täglich grüsst das Murmeltier im St.Galler Sturm. Auf sich alleine gestellt, kaum brauchbare Bälle und wenn sie doch kommen, wird er hoch angespielt. Bei einer gefühlten Körpergrösse von 155 Zentimetern könnte dies womöglich das falsche Mittel sein. Das Tragische daran: Keiner der zehn Kollegen hinter ihm scheinen dies zu bemerken.

FM1Today-Teamschnitt (Durchschnitt aller elf eingesetzten Spieler in der Startformation): 1,7

Fazit: Der FC St.Gallen setzt seinen miesen Leistungen aus den letzten Wochen die Krone auf. So schlecht haben wir die Grün-Weissen schon ganz, ganz lange nicht mehr gesehen. Nach dieser Darbietung werden unweigerlich Erinnerungen an die schlimmsten Debakel der Vereinsgeschichte wach – das 11:3 in Wil, das 2:7 im Espenmoos mit etlichen Yakin-Toren. Übertrieben? Mitnichten! 0:7 verloren die Ostschweizer letztmals 1974 im eigenen Stadion; die höchste Heimpleite der Vereinsgeschichte wurde damit egalisiert.

Was sagt Joe Zinnbauer dazu? An der Pressekonferenz zeigt er sich handzahm, wirkt bedient. Er wolle seinen Fokus auf die Vorbereitung für das Sion-Spiel am Mittwoch legen. Selbstkritik? Deutliche Worte zum Versagen seiner Mannschaft? Keine! Auch Strafaktionen sind offenbar nicht geplant. Unweigerlich kommt der Eindruck auf, dass sich der Mann seinem Schicksal ergibt. Wie bei seinem 0:8 als Trainer beim HSV, als er sich nach einem Bayern-Debakel schon bald einen neuen Job suchen musste. Noch deutet in St.Gallen aber nichts darauf hin, dass er dies bald auf ein Neues tun muss.

Rätselraten über eine unverhoffte Krise

Resultatmässig rutschen die Ostschweizer binnen weniger Wochen in eine Krise, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Die beiden vermeintlich katastrophalen Rückrunden unter Jeff Saibene waren dagegen reinste Wohlfühl-Kuren. In dieser Verfassung muss um den Verbleib in der höchsten Spielklasse gezittert werden.

Woran es liegt, lässt sich von aussen kaum erschliessen. Es wird eifrig darüber spekuliert, ob Zinnbauer die Mannschaft mit seinen Vorstellungen womöglich taktisch überfordert. Ernsthaft? Wie soll das denn gehen? Zuletzt trat der FCSG derart defensiv auf, dass das Spielsystem einen denkbar unrelevanten Einfluss haben dürfte. Ob man mit einem 4-5-1 verteidigt oder gar auf ein nominelles 4-3-3 setzen würde, spielt letztlich keine Rolle. In der Regel sind ausser Salli sämtliche Spieler grossmehrheitlich mit Abwehrfussball in der eigenen Platzhälfte beschäftigt.

Nein, viel mehr zeigt sich erst jetzt die verfehlte Transferpolitik der letzten Jahre. Auf dem Rasen steht einen brave, handzahme Kicker ohne jegliches Profil. Dies ist einerseits jungen Spielern wie Hefti, Gelmi oder Gaudino geschuldet, denen noch viel Erfahrung abgeht. Aber auch vermeintlich gestandenen Spielern wie Bunjaku, Angha oder Mutsch, welche die Mannschaft kaum je mitreissen können. Da fehlen Leader-Typen und Leitfiguren. Die sportliche Leitung muss sich diesbezüglich kritische Fragen gefallen lassen und in der Kirche ein Kerzlein anzünden. In der Hoffnung, dass die Mannschaft irgendwie den Rank wieder findet.

Denn mit solchen Leistungen hat auch der von seinen Fans stets toll unterstützte FC St.Gallen in der Super League nichts verloren.


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