Ein zweiter Blatter, diesmal mit Glatze

Hat noch viel zu tun: Gianni Infantino.
Hat noch viel zu tun: Gianni Infantino. © (AP Photo/Michael Probst)
Die Wahl von Gianni Infantino zum neuen FIFA-Präsidenten stösst nicht nur auf Wohlwollen. Vor allem in deutschen Medien ist die Skepsis gross.

Die heutige Ernennung von Gianni Infantino zum FIFA-Chef und damit zum Nachfolger von Sepp Blatter erinnert an Bundesratswahlen. Der Walliser setzte sich durch, nicht weil er die Idealbesetzung darstellte, sondern weil seine Gegner unwählbar waren. Entsprechend wenig euphorisch regierten die Medien auf die neue Ära im Weltfussballverband.

Noch eher zu den positiven Stimmen zählt der “Tages-Anzeiger“. Mit Blick auf Infantinos schärfsten Gegner, den umstrittenen Scheich Salman, heisst es, dass die Wahl Infantinos eine gute, jedenfalls die bessere gewesen sei. Mit Salman als Präsident wäre die FIFA “ab sofort und bis auf weiteres belastet” gewesen. Und das hätte die Fifa, die sich so sehr um ihren Reformwillen bemüht habe, überhaupt nicht gebrauchen können. “Genau darum gilt: Zum Glück folgt nicht Salman auf Sepp Blatter. Sondern Infantino.”

“Wie sein Vorgänger”

Kritischer äussert sich der “Spiegel“. “Infantino hinterließ beim Kongress nicht gerade den Eindruck, als wolle er die Fifa nun voller Leidenschaft zu einer besseren Organisation machen”, heisst in der Berichterstattung zur Wahl. Alle Äußerungen zum Korruptionsskandal und den beschlossenen Reformen hätten eher pflichtschuldig und wenig überzeugt geklungen. “Ganz so, wie man es von seinem Vorgänger kennt.”

“Blatter II.”

Diesen Vergleich spitzt die linke “Taz” gewohnt bissig zu. Der Kommentar trägt den vielversprechenden Titel “Stinkefinger für die Fußballwelt”. Für den Autoren “ist Sepp Blatter tatsächlich noch einmal zum Fifa-Präsidenten gewählt worden”. Der neue Blatter sei aber nicht 80 Jahre alt, sondern erst 45. “Er hat eine Glatze und trägt den Namen Gianni Infantino. Der neue Blatter, auch er ein Schweizer, legte beim Fifa-Kongress in Zürich, einen derart irrwitzigen Auftritt hin, wie es eben nur ein echter Sepp Blatter kann.”

Grund für die herbe Kritik ist unter anderem, dass sich Infantino fast nicht zu den Problemen der Fifa geäussert habe. “Blatter II.” sei gewiss das weitaus geringere Übel, wenn man ihn mit Scheich Salman vergleiche. Aber den neuen Geist, der mit dieser Wahl da über die Fifa gekommen sei, werde man schwerlich als reformerisch bezeichnen können. “Und selbst wenn man das Durchwinken des Reformpakets als Zeichen guten Willens interpretieren möchte, so hat die Fifa mit dieser blatteresken Präsidentenwahl nichts anderes gemacht, als der Fußballwelt den Stinkefinger zu zeigen.”

“Ein Notnagel für den verhinderten Platini”

Kritisch äusserte sich zudem “Bild“. Die Fifa habe zwar den Super-Gau verhindert. Infantino sei eindeutig die bessere Wahl, aber “längst keine besonders gute”. Er sei nicht der Traumprinz, der die Fifa wachküsse und aus der Krise führe. „Er ist der Notnagel für den verhinderten Michel Platini.”

Aber nicht nur das. Für „Bild“ hat Infantino ebenfalls zu sehr an seinen Vorgänger erinnert. “Und seinen Wahlkampf hat er auf die Blattersche Art geführt. WM aufblähen, Geldgeschenke versprechen. So wie man in dem Laden immer schon Stimmen bekam”, heisst es im Kommentar. Infantino habe dennoch eine Chance verdient – wenn er die Reform ernst nehme und einem starken, unabhängigen Generalsekretär die Macht überlasse – “dann hätte die Fifa doch noch einen guten Präsidenten gewählt.”

(red)


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