Eine Geiselnahme wie in Hollywood

Im Kreisgericht wird der Fall des Chinesen, der eine Familie mehrfach bedroht haben soll, behandelt.
Im Kreisgericht wird der Fall des Chinesen, der eine Familie mehrfach bedroht haben soll, behandelt. © Coralie Wenger
Morgen Dienstag beginnt der Prozess gegen einen Chinesen, der sich für eine filmreife Geiselnahme in St.Gallen verantworten muss. Er soll seine Geiseln auch mehrfach unter Gewaltanwendung bedroht haben. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von acht Jahren.

Die Anklageschrift hört sich an wie ein schlechter Hollywood-Thriller: Der Beschuldigte bricht zusammen mit zwei weiteren Männern am frühen Abend im November 2005 in die Wohnung der Kläger-Familie ein. Sie warten in der Wohnung, bis die Familie nach Hause kommt. Als die mutmasslichen Täter Menschen kommen hören, stülpen sie sich schwarze Wollmützen mit Löchern über den Kopf. Sie bedrohen laut der Staatsanwaltschaft den Familienvater und die beiden minderjährigen Töchter mit einem Küchenmesser und einer Schusswaffe – ob diese echt war, ist unklar.

Geiselnahme wegen des Geldes

Vater und Kinder werden darauf ins Schlafzimmer der Eltern gedrängt und dort gefesselt. Auch der Mund wird den dreien zugeklebt. In der Hosentasche des Mannes finden die Einbrecher 3000 Franken. Danach durchsuchten die Männer die ganze Wohnung nach Geld und Wertsachen. Um Geld geht es den mutmasslichen Tätern von Anfang an: Sie kennen die Familie als Geschäftsleute.

Als die Mutter eine knappe Stunde später nach Hause kommt, wird sie ebenfalls bedroht und gefesselt. Die Täter suchen laut der Staatsanwaltschaft auch in ihrer Handtasche nach Geld und Wertsachen. Sie setzen der Frau ein Ultimatum: Wenn sie innerhalb von fünf Minuten nicht sagen würde, wo sich ihr Vermögen befinde, würden sie die kleine Tochter umbringen. Auch der Familienvater wird immer wieder wegen Geld gefragt und misshandelt.

Falscher Code für den Tresor

Gemäss Anklageschrift erklärt das Ehepaar den Männern, dass es das Geld immer am Bankschalter beziehe. Damit geben sich die Männer jedoch nicht zufrieden. Sie stülpen der Tochter einen Plastiksack über den Kopf und drohen, das Mädchen zu töten. Die Mutter sagt daraufhin, dass sich ein Tresor in ihrem Restaurant befinde. Nachdem einer der Einbrecher ihr das Messer wieder an den Hals hält und ihr mit der Faust gegen den Unterkiefer schlägt, sagt die Frau auch, wo es einen zweiten Tresor gibt. Darauf schreibt sie den Männern einen falschen Code auf. Der Sprecher der Bande droht noch: Sollte die Information nicht korrekt sein, bringe er alle um.

Zwei der Männer machen sich auf, die Tresore auszuräumen, einer bleibt in der Wohnung bei den Geiseln. Vor Ort stellen die beiden Männer fest, dass der Code nicht korrekt ist, und informieren den Dritten in der Wohnung. In der Zwischenzeit kann sich jedoch der Familienvater von den Fesseln befreien und schliesst die Schlafzimmertür von innen. Er befreit Frau und Kinder und alarmiert die Polizei. Der mutmassliche Täter in der Wohnung versucht noch, die Schlafzimmertüre zu öffnen, flüchtet jedoch, als ihm dies nicht gelingt.

Der Täter hat sich laut Staatsanwaltschaft des Raubes und der mehrfachen Geiselnahme schuldig gemacht. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von acht Jahren unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 111 Tagen, die der Beschuldigte bereits verbüsst hat. Er soll ebenfalls die Gerichtskosten von über 14’000 Franken übernehmen.

(lak)


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