Eine Schulreise in fünf Akten

Von Lara Abderhalden
Eine Schulreise in fünf Akten
© FM1Today
Mit geschnitzten Rüebli und einem Cervelat im Ranzen, einem Stock in der rechten und der Wasserflasche in der linken Hand, stürzten sich heute tausende von Schulkinder ins Abenteuer Schulreise. Wir haben eine 5.Klasse aus dem Toggenburg begleitet und dabei festgestellt: Schulreisen sind noch genau das, was sie früher waren.

In Zweierreihen stehen die Fünftklässler vor dem Schulbus bereit und jeder möchte das Schlusslicht sein. Es wird durchgezählt. Komplett. Los geht das Abenteuer. Auf dem Programm der Toggenburger steht heute die Tweralpspitze auf 1330 Metern über Meer in Wattwil. Die Wanderschuhe sind mit einem Doppelknopf gebunden, das Käppi auf dem Kopf und die Sonnencreme aufgetragen. Es kann losgehen:

Akt 1: Euphorie

Zu Beginn JEDER Schulreise sind die Kinder top motiviert. Schon im Schulbus juckt es ihnen in den Knien und sie wollen so schnell wie möglich aussteigen und die Berge, am liebsten alle auf dieser Welt, erklimmen. Kaum ist der linke Zeh auf den Boden gesetzt, haben die Duracell-Häschen den Berg geistig bereits bestiegen. Wie ein Rudel hungriger Löwinnen ziehen sie davon. Es wird gesungen und gesprungen, es gibt Wettrennen und es werden Umwege gelaufen. Die Herde hat Freude und ist kaum zu bremsen.

Akt 2: Die Schwachen nimmt’s

Nach ungefähr einer Stunde Wandern setzt das “Umemuule” ein. Dieses Phänomen gibt’s häufig bei nicht besonders gewandten Bergleuten, hauptsächlich bei Stadtmenschen oder einfach sonst nicht so erprobten oder begeisterten Naturmenschen. Die Symptome sind leicht zu erkennen: Der Schritt verlangsamt sich, der Kopf neigt sich zum Boden, es häuft sich der Satz “Ist es noch weit?” oder “Ich kann nicht mehr”, ausserdem erfreut sich ein Umemuuler nicht mehr der wunderschönen Natur, sondern möchte einfach nur umkehren, heimgehen und nichts tun. Zur gleichen Zeit hat sich ein Spitzenteam gebildet, welches die Gruppe anführt. Meistens sind es die Jungs, da es ihr Stolz nicht erlaubt, dass ein Mädchen zuerst am Ziel ankommt.

Akt 3: Alle nimmt’s

Nach ungefähr zwei Stunden und 30 Minuten läuft gar nichts mehr. Die Schüler sind müde, haben Hunger und es ist sowieso viel zu heiss. Es beginnen kleinere Zickereien oder es wird einfach gänzlich auf jegliche Art von Kommunikation verzichtet. In dieser Phase der Schulreise sind die Schüler am angenehmsten. Sie möchten einfach so schnell wie möglich ans Ziel kommen, mit möglichst wenig Aufwand. Umeblödle wäre da viel zu streng.

Akt 4: Kollektive Erschöpfung

Die Meute gleicht einer Ansammlung gebrauchter Waschlappen. Sie ist nass, schlapp und verbraucht. Gib mir Schatten, gib mir Wasser, schreit die Seele und die Lunge droht, aus der Brust zu gumpen. Die Rucksäcke werden kurzerhand zum Kopfkissen umfunktioniert und ein Ahornblatt dient als Fächer. Die Stimmung schwankt zwischen “Yes, mir sind dobe” und “Shit, mir müend alles wieder abe.”

Akt 5: Nahrungsaufnahme

Auf die Erschöpfung folgt das Schöpfen des Essens. So viel Anstrengung verdient etwas deftiges für den Magen, denn dieser schreit förmlich nach der Wurst im Rucksack. Die Folien werden aufgerissen, die Wurst viel zu tief eingeschnitten und das Schlangenbrot um den Stecken gewickelt. Dieses ganze Prozedere passiert gefühlte 24 Stunden bevor die Glut endlich bereit ist. Da Kinder sehr ungeduldig und Holz sehr geduldig ist, führt dies zur einen logischen Schlussfolgerung: Die Kinder essen die Cipolata und den Cervelat roh. Ist die Wurst erst einmal im Magen, wagt plötzlich niemand mehr zu klagen. Pünktlich zur Heimreise ist die Euphorie zurück, womit wir wieder bei Akt 1 wären. Das ganze nochmal!
Die Schulreise in 45 Sekunden:


(abl)


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