Fortschritt oder Stillstand im Toggenburg

Das ohne öffentliche Gelder finanzierte neue Bergrestaurant auf dem Chäserrugg wurde von den Basler Architekten Herzog & De Meuron entworfen. (Archivbild)
Das ohne öffentliche Gelder finanzierte neue Bergrestaurant auf dem Chäserrugg wurde von den Basler Architekten Herzog & De Meuron entworfen. (Archivbild) © KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
Im Toggenburg waren und sind Projekte mit Signalwirkung geplant, die den schwächelnden Tourismus ankurbeln sollen. Nach dem Scheitern des Naturparks Neckertal steht das Klanghaus vor der politische Bewährungsprobe. Einfacher haben es privat finanzierte Vorhaben.

Auf der Online-Plattform myswitzerland.com wirbt Schweiz Tourismus auf der gleichen Internetseite für Naturpärke wie für die UNESCO Welterbestätten. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, würde heute dort der Naturpark Neckertal neben der Altstadt von Bern oder der St. Galler Stiftsbibliothek vorgestellt.

Doch daraus wurde nichts: Ruft man heute die Homepage des Naturparks im Toggenburg auf, dann steht dort, dass die Geschäftsstelle seit Frühjahr 2015 geschlossen ist, dass deren Projekte beendet wurden.

Das Projekt war vom Bund und von den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden unterstützt und vier Jahre lang aufgegleist worden. Das Ende kam im November 2014: Bei einer Abstimmung lehnten drei der vier Standortgemeinden den Naturpark ab. Vor allem die SVP hatte das Vorhaben bekämpft – unter anderem mit dem Slogan “Freiheit statt Reservat”.

Auch mit einem Jahr Abstand war für die Gemeindepräsidentin von Neckertal, Vreni Wild-Huber, die Kampagne der SVP der Grund für das Scheitern des Naturparks. Dauernd sei von angeblichen Einschränkungen durch den Bund und sogar von fremden Vögten die Rede gewesen. Irgendwann habe man nicht mehr dagegen argumentieren können. “Wir wollten sachlich bleiben”, erklärte die Präsidentin des Vereins Naturpark Neckertal.

Es habe Leute gegeben, die wegen der grossen Werbeattraktivität des Labels Naturpark Investitionen angekündigt hätten. “Es wäre eine ganz andere Stimmung gewesen.” Diese grosse Chance sei verpasst worden, bedauert sie. Man versuche zwar, die eine oder andere Idee doch noch zu realisieren. “Aber wir sind dabei auf uns selber gestellt”.

Das Toggenburg ist die Region im Kanton St. Gallen mit dem weitaus kleinsten Bevölkerungswachstum. Zwischen 2004 und 2014 nahm die Wohnbevölkerung in sieben der zwölf Toggenburger Gemeinden sogar ab. In den übrigen 65 Gemeinden des Kantons finden sich nur noch drei weitere Kommunen, die ebenfalls eine negative Entwicklung aufweisen. Das Toggenburg gilt als strukturschwach und ist auf Impulse von aussen angewiesen.

Glaubt man den Befürwortern, dann wäre das geplante Klanghaus am Schwendisee in Unterwasser ein solcher Impuls. Das Projekt hat allerdings bereits eine mehr als zehnjährige Vorgeschichte: Ursprünglich sollte es zusammen mit anderen “Leuchtturm”-Projekten aus einem kantonalen Zukunftsfonds realisiert werden. Der Entwurf stammte vom Bündner Architekten Peter Zumthor. Doch dann scheiterte der Fonds 2004 in einer kantonalen Abstimmung.

Der Urnenentscheid bedeutete aber noch nicht das Ende für die Idee eines musikalischen Zentrums für Naturtonmusik. Das Architekturbüro Marcel Meili, Markus Peter entwarf einen Holzbau und die Initianten nahmen einen neuen Anlauf.

Elf Jahre später, im November 2015, hiess der Kantonsrat in erster Lesung einen Beitrag von 19 Mio. Franken an die Baukosten von 24 Mio. Franken gut. Von den 30 Stimmen, die auf die Vorlage nicht eintreten wollten, stammen 27 aus der SVP-Fraktion. Die 11 Vertreter aus dem Toggenburg sprachen sich hingegen dafür aus: Neun Ja-Stimmen, zwei Enthaltungen.

Nun kommt es im Herbst 2016 zu einer kantonalen Abstimmung über das Projekt. Es sei eine einmalige Chance, das Toggenburg, nicht immer nur als Bittsteller wahrzunehmen, warb Baudirektor Willy Haag bei der Debatte im Kantonsrat für das Klanghaus.

Prognosen über die Chancen an der Urne seien schwierig: Man könne das Projekt nicht direkt mit dem Naturpark vergleichen, findet Vreni Wild-Huber.

Es gibt im Toggenburg aber noch andere Projekte, die für Impulse sorgen: Ende Juni eröffneten die Toggenburg Bergbahnen nach bloss 14 Monaten Bauzeit auf dem Chäserrugg ein spektakuläres Bergrestaurant – entworfen vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron.

Mit den Umweltverbänden hatte man sich im Vorfeld geeinigt. Einsprachen gab es keine. Die Sympathien der Bevölkerung sicherten sich die Bauherren über Skispringer Simon Ammann, der im Verwaltungsrat dabei war.

Der grosse Unterschied zwischen Bergrestaurant und Klanghaus ist aber nicht das Tempo, mit dem das Projekt realisiert werden konnte, sondern dass die Bergbahnen den Bau aus der eigenen Tasche finanzieren konnten. Sie benötigten keine öffentlichen Mittel und es war keine Abstimmung notwendig.

Ob sich aber für Impulsprojekte im Toggenburg auch dann Mehrheiten finden lassen, wenn öffentliche Gelder im Spiel sind, wird sich deshalb nach dem Scheitern des Naturparks erst im Herbst 2016 zeigen: Bei der Abstimmung über das Klanghaus.

(SDA)


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