Friedli-Nomination: Unglaubwürdig, aber geschickt

Von René Rödiger
Friedli statt Klanghaus: Die SVP meint es gut mit dem Toggenburg.
Friedli statt Klanghaus: Die SVP meint es gut mit dem Toggenburg. © Urs Jaudas/Archiv/St.Galler Tagblatt
So sicher wie Esther Friedli den Sprung in die St.Galler Regierung verpasst, wird die SVP als Gewinnerin aus dem Regierungsratswahlkampf hervorgehen. Die Partei plant mit der Bernerin längerfristig. Ein Kommentar.

Die SVP und Esther Friedli könnten einem fast leid tun: Dass Friedli eine “Wunschkandidatin” ist, nimmt der Partei niemand ab, sonst hätte sie sich früher um die Freundin von Toni Brunner bemüht. Dass die Stadtbernerin als “Toggenburgerin” und “Vertreterin der ländlichen Gegend” verkauft wird, ist in den Worten einer Partei, die eingebürgerte Personen als “halbe Schweizer” bezeichnet, wenig glaubwürdig. Und dann ist Friedli ja erst noch eine Papierli-SVPlerin, die den Mitgliederausweis erst seit gestern hat.

Dass Friedli als Toggenburgerin verkauft wird, dürfte auch in ihrer St.Galler Heimat komisch erscheinen. Die angeschlagene Region hatte so sehr auf einen kulturellen Leuchtturm in Form des Klanghauses gehofft. Erst gestern hat die SVP dieses Klanghaus im Kantonsrat bachab geschickt. Ein Klanghaus würde dem Toggenburg touristisch mehr bringen als eine Regierungsrätin.

Und dennoch wird das Kalkül der SVP aufgehen: Alles andere als eine Wahl von FDP-Mann Marc Mächler im zweiten Wahlgang in die St.Galler Regierung würde überraschen. Er hat im ersten Wahlgang das absolute Mehr nur ganz knapp verpasst, die SVP blieb mit Herbert Huser chancenlos. Friedli, die breiten Kreisen noch unbekannter ist als der abtretende SVP-Kantonalpräsident Huser, wird deshalb kaum für die wählerstärkste Partei im Kanton St.Gallen den zweiten Sitz in der Regierung erobern.

Der SVP und Friedli geht es im zweiten Wahlgang auch gar nicht um den Einzug in den St.Galler Regierungsrat. In einem ersten Schritt geht es der Partei darum, die 38-jährige Bernerin bekannt zu machen. Ein faktischer Zweikampf in ein Exekutivamt – der Parteifreie Andreas Graf läuft ausser Konkurrenz – garantiert viel Aufmerksamkeit. Nach der erwarteten Wahlschlappe kann die SVP in die Opferrolle schlüpfen, den anderen Parteien vorwerfen, Frauen zu benachteiligen, die SVP auszuschliessen, ihr die Regierungsverantwortung nicht zutrauen zu wollen.

Die Strategie geht auch für Friedli auf. Sie dürfte als Nachfolgerin von Stefan Kölliker ins Spiel gebracht werden. Als ehemalige Generalsekretärin im Bildungsdepartement kann ihr die nötige Erfahrung nicht abgesprochen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt darf sich Friedli weiterhin als “Vertreterin der ländlichen Gegend”, als “Wunschkandidatin” und Toggenburgerin verkaufen. Die Weichen für die Zukunft sind gestellt.


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