Gib dem Eis die Kante

Für alle etwas: Es gibt Schlittschuhe für Anfänger und Kufenkünstler.
Für alle etwas: Es gibt Schlittschuhe für Anfänger und Kufenkünstler. © (zVg)
Ein uralter Wintersport erlebt vielerorts ein hippes Revival. Wer nicht nur gelegentlich übers Eis gleiten will, mag bald nicht mehr in die muffigen Miet-Schlittschuhe steigen. Doch was muss man wissen zu dieser Ausrüstung, die Sportgerät und Schuh zugleich ist? Lese hier auch über die acht schönsten Eisfelder der Schweiz.

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Stilpalast

In London sind die glitzernden Pop-Up-Eis-Arenen schon seit Jahren die Attraktion für den winterlichen Ausgang. Halb Wien trifft sich jeweils vor dem prachtvoll erleuchteten Rathaus und schwelgt im Eistraum. In Zürich probt man sein persönliches Art on Ice auf der guten alten Dolder Eisbahn. In Ferienorten sind ganze Eis-Erlebniswelten entstanden, mit rassigen Parcours und angesagtem Sound. Das Ice Magic in Interlaken lockt seit drei Jahren ein immer grösseres Sport- und Partyvolk an; Davos knüpft mit seinem gerade eröffneten Eistraum an eine grosse Tradition an; auch Lenzerheide hat nun sein Iis-Paradiis Keine Frage: Eislaufen ist wieder in.

(pd)

Die Eröffnung des Ice Magic in Interlaken vor drei Jahren. (pd)

Der älteste Wintersport

Auf Kufen übers Eis zu gleiten, ist ganz bestimmt die ältere Wintersportart als Skifahren. Man denke an die stimmungsvollen Brueghel-Bilder von flämischen Schlittschuhläufern aus dem 16. Jahrhundert. Es gibt einen Stich, der Goethe auf dem Eis zeigt. Und auch als die Schweiz vor 150 Jahren den Wintertourismus erfand, vergnügten sich die englischen Gäste mit Hingabe auf Kufen, lange bevor sie auf Brettern die Hänge herunterpurzelten. Das NZZ-Video «Am Anfang war das Eis» blickt zurück auf die Zeit des Alles-läuft-Schlittschuh.

Wer sich in diesem Winter also nicht mehr in den hochgerüsteten Nahkampf auf der Piste stürzen, sondern entspannt aufs Glatteis begeben will, braucht natürlich die passende Ausrüstung. Bei allen Kunsteisbahnen gehört immer ein Schlittschuhverleih dazu. Doch bereits deren Angebot überfordert so manchen. Der Entscheid für einen Schlittschuh-Typ erfolgt meist ganz nach Geschlechterstereotypen.

Wer sich als Eisprinzessin sieht, greift zu den weissen Kunstlauf-Schuhen, wer sich mit den Hockey-Machos identifiziert, nimmt die Boots mit den abgerundeten Kufen. Oft findet man in den Regalen der Verleiher auch die bunten, billig hergestellten Schalenschuhe aus Plastik. Die geben zwar dem Köchel recht guten Halt und sind schnell angelegt, aber viel mehr als geradeaus fahren, sollte man darin nicht wollen.

Geschlechtertrennung

Also zuerst zum Unterschied zwischen Kunstlauf- und Hockeyschuhen. Hockeyschuhe sind dafür gemacht, möglichst schnell und wendig dem Puck hinterher zu flitzen. Die Kufen sind deshalb geformt wie ein Wiegemesser mit dem man in der guten Küche Kräuter hackt. Die Auflagefläche ist eher kurz, um den raschen Richtungswechsel zu ermöglichen. Für den Anfänger bedeutet das ein eher wackeliges Fahrgefühl trotz des robusten Aussehens der Eisen an den Füssen.
Die Schuhe, in denen Stéphane Lambiel seine wahnsinnigen Pirouetten dreht oder Jewgeni Pluschenko seine gewaltigen Sprünge vollführt, sind hingegen Eiskunstlaufschuhe – und für Männer sind diese immer schwarz. Leider bietet kaum ein öffentlicher Verleih die Sportgeräte in dieser Farbe an. Es gibt sie nur in weiss oder beige für den weiblichen Teil des Publikums. Eine Angelegenheit für den Gleichstellungsbeauftragen?

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Eiskunstlaufschuhe gibt es im öffentlichen Verleih meist nur in Weiss. (KEYSTONE/Leo Duperrex)

Die Kufen der Kunstlauf-Schlittschuhe liegen mit ihrer ganzen Länge auf dem Eis auf und erlauben so ein stabileres Fahren präziser Linien. Vorne habe sie Zacken. Die brauchen die Könner für die Sprünge Toeloop, Lutz und Flip sowie selten für einen Ballett-artigen Spitzentanz. Anfänger sollten keinesfalls versuchen, damit zu bremsen. Das macht man seitlich auf der äusseren Kante wie beim Skifahren.

Die eigenen Schlittschuhe

Wen es mehr als einmal pro Winter auf die Eisbahn zieht, der mag sich bald nicht mehr mit dem Angebot der Verleiher herumschlagen. Allein der muffige Geruch, der von unzähligen Sportlerfüssen erzählt, die in den nicht sehr atmungsaktiven Stiefeln gesteckt haben, schreckt nicht nur feine Nasen ab. Aber was und wo kaufen?

 

Lohnt es sich, eigene Schlittschuhe zu kaufen?

Lohnt es sich, eigene Schlittschuhe zu kaufen?(KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Schlittschuh-Sets, also Schnürschuhe, an denen die Kufen bereits fest montiert sind, gibt es auch beim Grossverteiler. Ob man sich allerdings mit Angeboten für unter 50 Franken wirklich einen Gefallen tut, ist zu bezweifeln. Weiter unten finden Sie unsere Empfehlungen für sportlich wie modisch ambitionierte Eisläufer.

Zuerst aber noch ein Wort zu den Qualitätsunterschieden. Hier spielt Aufbau und Machart des Schuhs ebenso eine Rolle wie Material und Festigkeit der Kufe. Bereits für Läufer, die etwas über die Grundfertigkeiten hinaus sind, ist der separate Kauf von Stiefeln und Eisen üblich. Dafür lässt man sich im Spezialgeschäft beraten; dort sucht man die passende Grösse und Weite heraus und wählt die Kufe je nach Anforderung. Grob gesagt, teilt man ein nach Freizeitschuh, Schuhe für kleine Sprünge, Schuhe bis Doppelsprünge und die Profi-Exemplare, welche die Wucht eines Drei- und Vierfachsprunges auffangen können.

Leiden und Schleifen

Wer meint, für Top-Läufer seien Schlittschuhe ein Verschleiss-Artikel, von denen sie Dutzende im Schrank haben, der irrt. Es gehört zu den manchmal verhassten Ritualen der Champions, anfangs jeder Saison den neuen Schlittschuh einzulaufen. Denn das hochentwickelte Sportgerät gehorcht nicht sofort dem Willen des Athleten. «To break it» nennen die Amerikaner diesen Vorgang; das gleiche Wort, das man zum Zureiten eines Wildpferdes benutzt.

 

«Einmal im Jahr sollte man sich ein Basis-Schliff auch als Hobbyläufer gönnen.»

Bis ein neuer Schlittschuh eingelaufen ist, dauert es mindestens eine Woche bei täglichem Training. Manchmal ist es auch eine viel längere Leidenszeit. Die Schweizer Europameisterin Sarah Meier war bekannt für die Dramen, welche sie jeweils mit ihren Schuhen durchlebte.

Das nächste grosse Thema, welches die Wackelläufer von den souveränen Gleitern unterscheidet, ist der Schliff. Für den gekonnten Hohlschliff der Kufe nehmen die Spitzenläufer oft weite Wege auf sich. Claudio Meng von Mengskates in Davos und einer Filiale in Zürich ist einer derjenigen, dem sie ihr wichtigstes Werkzeug anvertrauen. Er beherrscht diese Kunst schon in vierter Generation. Ein Basis-Schliff für Eiskunstlauf kostet bei ihm 25 Franken. Einmal im Jahr sollte man sich das auch als Hobbyläufer gönnen.

Autor: Ruth Spitzenpfeil für NZZ Bellevue. Alle Artikel rund um Mode & Beauty findet ihr hier.


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