Gotthard Basistunnel: Nach dem Fest folgt die Pflicht

Mit dem Gottardino-Zug können Interessierte bereits vor der offiziellen Inbetriebnahme im Dezember die neue Gotthard-Strecke bereisen.
Mit dem Gottardino-Zug können Interessierte bereits vor der offiziellen Inbetriebnahme im Dezember die neue Gotthard-Strecke bereisen. © KEYSTONE/URS FLUEELER
Am 1. Juni übergab die Alptransit Gotthard AG offiziell die “Schlüssel” für das Jahrhundert-Bauwerk Gotthard-Basistunnel an die SBB. Nach rund zwei Monaten zieht die neue Betreiberin nun eine erste Bilanz und blickte zugleich auf die Inbetriebnahme im Dezember.

Insgesamt werden laut SBB-Angaben bis Dezember 5000 Probefahrten absolviert. Dabei steht das Verlagerungsziel von der Strasse auf die Schiene im Mittelpunkt: 3500 Probefahrten entfallen auf den Güterverkehr, für ihn werden spezielle Trassen reserviert. 500 Probefahrten gibt es im Personenverkehr.

Seit dem 2. August und bis zum 27. November wird allen Interessierten ausserdem die Möglichkeit geboten, mit dem “Gottardino” getauften Zug den längsten Bahntunnel der Welt auszukundschaften. Der Hinweg erfolgt jeweils über die Bergstrecke.

Die SBB erwartet für dieses Angebot rund 43’000 Passagiere bis zum Ende des Jahres. Bereits jetzt seien 94 Prozent der insgesamt 180 Fahrten ausgebucht.

Auf der Strecke von Basel bis Chiasso gebe es gegenwärtig eine “Kumulation” verschiedener Baustellen, sagte SBB-Chef Andreas Meyer bei einem Medienanlass am Mittwoch in Flüelen UR. In diesem Zusammenhang übte Meyer auch Selbstkritik bei der Pünktlichkeit auf der Nord-Süd-Achse. Hier gebe es noch viel Arbeit – die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels soll bereits für Linderung sorgen.

Um “importierte” Verspätungen aus Italien zu vermeiden, werde auch der Austausch mit den Behörden im südlichen Nachbarland intensiviert. Kopfzerbrechen bereite ausserdem die Mobilfunkabdeckung. Diese lasse besonders zwischen Bellinzona und Lugano zu Wünschen übrig.

Man habe 90 Auflagen für den Betrieb des Tunnels erhalten – die Hälfte konnte bereits abgearbeitet werden, sagte der Infrastruktur-Leiter der SBB Philippe Gauderon am Mittwoch.

Bis der Gotthard-Basistunnel regulär in Betrieb gehen könne, heisse es “üben, üben, üben”. Mögliche Kinderkrankheiten sollen früh erkannt werden. Allein der Unterhalt des Rekordtunnels verlange viel Planungsgeschick – “wir können nicht in der Mitte des Tunnels sagen, dass wir eine Bohrmaschine vergessen haben.”

Drei Nächte pro Woche sind für Unterhaltsarbeiten vorgesehen. Dafür werden die Arbeiter mit einer speziellen Klappenkonstruktion vor dem Druck der Züge geschützt, da der Betrieb in einer Röhre immer weiterläuft. Die jährlichen Unterhaltskosten belaufen sich laut Gauderon auf 39 Millionen Franken, sollen aber schrittweise leicht absinken.

Die SBB nutzte den Anlass am Mittwoch, um für die touristische Nutzung der Gotthard-Bergstrecke zu werben. Aufgrund der historischen Bedeutung der Bergstrecke soll sie neben dem Stundentakt zwischen Erstfeld und Bellinzona auch stärker auf Besucher der Region zugeschnitten werden. So sollen an den Wochenenden beispielsweise direkte Züge von Zürich aus starten, die genug Platz für Velo und Gepäck bieten.

Die SBB wollen an diesem Angebot auch nach Dezember 2017 festhalten, sagte der Leiter Verkehr SBB, Toni Häne, am Mittwoch auf Anfrage. Bis dahin plant das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Neuvergabe der SBB-Fernverkehrskonzession. Bis zum Auslaufen dieser Konzession Ende 2017 wird die Gotthard-Bergstrecke weiterhin von der SBB betrieben.

Die Schweizerische Südostbahn (SOB) hatte Anfang Juli angekündigt, dass sie die bisherige Betreiberin SBB mit einem eigenen Konzept herausfordern will. Unter anderem liebäugelt sie mit Direktverbindungen von Basel in die Leventina, die sie eigenwirtschaftlich betreiben möchte. Ziel der SBB sei es dagegen, ein individuelleres Paket zu schnüren, das stärker der touristischen Nutzung und der saisonalen Auslastung Rechnung trägt, so Häne. Die SBB rechnet mit 600 Reisenden pro Tag auf der Bergstrecke – im Gegensatz zu den heutigen 8000.

(SDA)


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