Grün-Weiss ist im Europafieber

Von Dominic Ledergerber
Spielt der FC St.Gallen nächstes Jahr in der Europa League? (Archiv)
Spielt der FC St.Gallen nächstes Jahr in der Europa League? (Archiv) © KEYSTONE/Valentin Flauraud
Ist der FC St.Gallen reif für die Europa League? Ja, findet Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber. In sportlicher, struktureller und sogar finanzieller Hinsicht dürfen die Espen Europa planen.

Unter den Fussballfans im ganzen Land gab es in den letzten Jahren stets einen Satz, der eine ganze Diskussion beenden konnte: «Bevor wir absteigen, wird YB Meister», sagten die Thuner. «Bevor Constantin zurücktritt, wird YB Meister», sagten die Sittener. «Bevor wir wieder europäisch spielen, wird YB Meister», sagte so mancher St.Galler. Diese Aussage setzte natürlich voraus, dass die Berner Young Boys den Meistertitel spätestens auf der Zielgeraden noch vergeigen, also «veryoungboysen» würden, wie Witzbolde kalauerten.

Heute liegen die Dinge anders. Heute dient die Aussage des Espen-Anhangs nicht dem Zweckpessimismus. Tatsächlich könnte YB Meister werden, bevor die Mannschaft von Giorgio Contini als Teilnehmer der Europa-League-Qualifikation feststeht. Oder gar als direkter Teilnehmer der Gruppenphase, sollten sich die Berner am 27. Mai gegen den FC Zürich noch zum Cupsieger krönen und Grün-Weiss den dritten Tabellenplatz verteidigen.

Eine traumhafte Ausgangslage, die verdeutlicht, dass Sieg und Niederlage im Fussball nicht nur auf dem Rasen nahe beieinander liegen. Wie bekannt wurde, hätte die alte Führung um Halbjahres-Präsident Stefan Hernandez den Klub finanziell beinahe an die Wand gefahren. Seinem Nachfolger Matthias Hüppi gelang es, den FC St.Gallen wirtschaftlich zu stabilisieren, indem er seinen euphorischen Worten auch Taten folgen liess. So überredete er absprungwillige Sponsoren, dem Klub die Treue zu halten und suchte das Gespräch mit Spielern, deren Vertrag definitiv zu hochdotiert war.

Die Reifeprüfung

Angesichts der formidablen Ausgangslage – der FC St.Gallen liegt bei einem Spiel mehr vier Punkte vor dem FC Zürich – dürfen Chronisten der Frage nachgehen, ob der Klub überhaupt reif ist für die Europa League. Nach den jüngsten Auftritten, besonders nach jenem vom Samstag in Lausanne (4:1), lautet das Fazit: Oh ja! Hätten die Auftritte gegen Basel (2:0), Lugano (3:0) und Thun (2:1) mit etwas weniger Wettkampfglück noch in Punktverlusten oder gar Niederlagen münden können, so gelang den Espen im Waadtland die Reifeprüfung. Der 4:1-Sieg fiel im Endeffekt sogar noch zu knapp aus. Und er verdeutlichte die neuerlangte Stabilität und Souveränität der Mannschaft.

Als bestes Beispiel dafür dient Jasper van der Werff. Der erst 19-jährige Verteidiger gab beim 2:0-Sieg in Basel sein Super-League-Debüt, seine Weste blieb seither blütenweiss. «Jasper entwickelt sich hervorragend, er ist ein Versprechen für die Zukunft», sagte Sportchef Alain Sutter schon in der Winterpause – und zwar auf die Frage, ob der Klub noch einen Innenverteidiger zu verpflichten gedenke. Es sind Spieler wie Van der Werff, aber auch Silvan Hefti oder Cedric Itten, die dem Trainer Alternativen und dem Klub Perspektiven geben. Sportlich muss der FC St.Gallen fortan also die Ambition haben, regelmässig um die europäischen Honigtöpfe mitzuspielen.

Meister der Zurückhaltung

Es ist ein Ziel, das die Verantwortlichen nur allzu gerne relativieren. «Unser Ziel ist ein Platz unter den ersten Fünf», sagte etwa Matthias Hüppi. Auch Giorgio Contini machte zumindest für die ersten drei Siege aus der jüngsten Serie auch Wettkampfglück geltend. «Wir haben die Tore zum richtigen Zeitpunkt erzielt», sagte er nach dem 2:1-Sieg in Thun. Gäbe es Punkte für Zurückhaltung, spielte der FC St.Gallen mindestens um den Meistertitel mit.

Selbst Realisten müssen nun aber anerkennen, dass aus dem Krisenklub St.Gallen ein heisser Anwärter für die Europa League geworden ist. Und eine Saison mit einer solchen Doppelbelastung will auch strukturell vorbereitet sein. Wir erinnern uns, als Ex-Trainer Jeff Saibene im März 2014 plötzlich Mittelfeld-Mann Marco Mathys als einzige Sturmspitze aufstellen musste – ganz einfach aus Mangel an Alternativen. Die Donnerstage in der Europa League hatten ihren Tribut gefordert, das Spielerkader war nicht breit genug.

Auch das ist heute anders. Noch immer umfasst das Kader 29 Spieler, wofür sich Sportchef Sutter oft rechtfertigen musste. Jetzt aber kann aus dieser Not getrost eine Tugend gemacht werden, denn: Spielt der FC St.Gallen in der Europa League, muss Giorgio Contini auf allen Positionen bedenkenlos auf Alternativen zurückgreifen können.

Her mit der Europa League!

Für eine Europa-League-Saison muss St.Gallens Kader aber nicht nur gross, sondern auch gut genug sein. Dem Wunsch, die Mannschaft punktuell zu verstärken, dürfte Finanzchef Christoph Hammer entgegnen, dass der Klub trotz den Einnahmen aus dem Ajeti-Transfer zum zweiten Mal in Folge rote Zahlen schreiben werde.

Unter dem Strich könnten sich diese Investitionen gleichwohl lohnen: Die Europa League-Gruppenphase würde dem FC St.Gallen Gelder in der Höhe von sechs bis acht Millionen Franken netto (!) einbringen. Dagegen ist das aktuelle strukturelle Defizit von rund 2,5 Mio. Franken ein Pappenstiel.

Deshalb: Her mit der Europa League! Der FC St.Gallen ist sportlich, strukturell und auch finanziell bereit dafür. Und damit uns dieser Traum nicht noch in einer Qualifikations-Runde genommen wird, sagen wir hinsichtlich des Cupfinals schon heute: Hopp YB!


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