Gruppe B: Klare Rollenverteilung und Stolpersteine

Roy Hodgson nimmt die EM-Endrunde als Favorit der Gruppe B in Angriff
Roy Hodgson nimmt die EM-Endrunde als Favorit der Gruppe B in Angriff © KEYSTONE/AP/JON SUPER
Nach Papierform ist England der klare Favorit in der EM-Gruppe B. Russland will an den Erfolg der EM 2008 anknüpfen, Wales möchte ebenso wie die Slowakei als Spielverderber auftreten.

Wann immer es an Europameisterschaften um den Finaleinzug ging: England war in der Neuzeit mit einer Ausnahme nie dabei. 1996, am Heimturnier, verschoss Gareth Southgate im Halbfinal gegen Deutschland den sechsten Penalty. Die Serie von “30 Jahren Schmerz”, wie es in der englischen EM-Hymne der “Lightning Seeds” in Anspielung an den 30 Jahre zurückliegenden WM-Titel hiess, verlängerte sich damit auf unbestimmte Zeit. Southgates Fehlschuss passte ins Bild, das englische Schützen seit 1990 bei Entscheidungen aus elf Metern abgaben. Sechs von sieben Penaltyschiessen in einer EM- oder WM-Partie gingen verloren.

Heuer soll mal wieder alles anders und besser werden. Die punktemässig perfekte Qualifikation in der Gruppe mit der Schweiz, Slowenien, Estland, Litauen und San Marino lieferte die Steilvorlage für Optimismus, der Testspiel-Sieg in Deutschland (3:2) Ende März verstärkte ihn. Drei Tage später verlor England gegen die nicht qualifizierten Niederlande 1:2 – und schon gab es wieder Gegenwind der nicht als zimperlich bekannten Medien.

Der wunde Punkt ist seit der Aussortierung von John Terry die zuweilen etwas hüftsteif wirkende Defensive. In der Vorwärtsbewegung hat England aber einiges zu bieten. Das ist im Prinzip dem sensationellen Meister Leicester City und den drittklassierten Tottenham Hotspur respektive deren ausländischen Trainern Claudio Ranieri und Mauricio Pocchettino geschuldet, die auf einheimisches Schaffen setzten. Jamie Vardy und Harry Kane trugen ligaweit am meisten Treffer (25 und 24) zum überragenden Abschneiden ihrer Teams bei.

Ob die beiden auch tatsächlich gemeinsam stürmen werden, wagen englische Medien zu bezweifeln. Dafür bietet das Spurs-Duo Dele Alli/Eric Dier dem Nationaltrainer Roy Hodgson mehrere Optionen für die Besetzung des Mittelfeldes. Womöglich ist es sogar zu verkraften, dass sich Rekord-Torschütze und Captain Wayne Rooney seit Monaten nicht wirklich in Topform befindet. Dennoch bringt es auf den Punkt, was die Nachrichtenagentur Reuters neulich schrieb: “Ein Ausscheiden wäre ein monumentaler Schock.”

Zwei der drei englischen Gruppengegner werden in Frankreich erstmals zu einer EM-Endrunde antreten. Das drängt die “Three Lions” noch stärker in die Favoritenrolle. Nach dem Auftakt gegen Russland heissen die Konkurrenten Wales und Slowakei. WM-Teilnahmen haben die letzten beiden Konkurrenten je eine (1958 respektive 2010) vorzuweisen.

Wales würde dem “grossen Nachbarn” nur zu gerne ein Bein stellen. In der Qualifikation waren zwei Dinge bemerkenswert: Der zweifache Champions-League-Sieger Gareth Bale war mit sieben (von total elf) Toren und zwei Assists der überragende Spieler. Dazu liess die Defensive um Captain Ashley Williams nur vier Gegentore zu. Einzig Rumänien (2), England und Spanien (je 3) blieben unter dieser Quote. Mit Ausnahme von Bale sind sämtliche Spieler von Wales in einer der höchsten beiden Ligen Englands respektive in der schottischen Premier League engagiert. Die Pace und die Spielweise des Gegners im mit Spannung erwarteten Duell werden definitiv bekannt sein.

Die Slowakei erwies sich am bislang einzigen grossen Turnier seit Beginn der Unabhängigkeit 1993 bereits einmal für einen klaren Favoriten als Stolperstein. Die Osteuropäer sorgten vor sechs Jahren an der WM in Südafrika mit dem 3:2 gegen Italien für lange Gesichter beim Titelverteidiger und für dessen Vorrunden-Out. Aus jener slowakischen Startaufstellung sind an der EM 2016 sieben Spieler dabei, noch immer ist Marek Hamsik der Captain.

Russlands Minimalziel nach dem Halbfinal-Vorstoss 2008 und dem Verpassen der folgenden EM wurde von (fast) oberster Stelle diktiert. “Wenn wir die K.o.-Phase nicht erreichen, haben wir versagt”, so Sportminister Witali Mutko, der auch Präsident des nationalen Fussballverbandes ist. “Ich denke, unser Team hat das Potenzial, um ein gutes Turnier abzuliefern.” Die Namen, die das bewerkstelligen sollen, sind nicht so gross wie die Erwartungen. Bekanntester Akteur ist Artjom Dsjuba, der Goalgetter von Zenit St. Petersburg und erfolgreichste russische Torschütze in der EM-Qualifikation.

Bereits nach sieben Spielen der Gruppe E mit dem Punktemaximum, unter anderem durch ein 2:0 in Basel gegen die Schweiz dank Danny Welbecks Doublette, stand England Anfang September 2015 als erster EM-Teilnehmer neben Gastgeber Frankreich fest. Die “Three Lions” blieben unter ihrem Trainer Roy Hodgson am Ende als sechstes Team der Geschichte nach Frankreich (zweimal), Tschechien, Deutschland und Spanien in der Ausscheidung für eine EM-Endrunde ohne Punktverlust. Die Tordifferenz (+28) war die beste aller 53 Qualifikanten. Weniger erfolgreich liest sich die Bilanz seit dem WM-Titel 1966: An grossen Turnieren hat es England in den letzten 50 Jahren nur noch dreimal unter die Top 4 geschafft: 1968 an der EM (Finalturnier mit vier Teams), 1990 an der WM und 1996 an der EM im eigenen Land.

England in Zahlen. – Einwohner: 54,3 Millionen. – Hauptstadt: London. – Gründung des Verbandes The Football Association: 1863. – FIFA-Ranking: 10. – Bisherige EM-Teilnahmen (8): 1968, 1980, 1988, 1992, 1996, 2000, 2004, 2012. – Bestes EM-Resultat: Halbfinalist 1968 und 1996. – Qualifikation: 1. der Gruppe E (10 Spiele/30 Punkte). – Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Wayne Rooney (Manchester United) mit 7 Toren. – Bekannteste Spieler: Rooney, Joe Hart (Manchester City), Daniel Sturridge (Liverpool). – Trainer: Roy Hodgson (ENG/seit 2012).

Nach vier Spieltagen mit nur fünf Punkten lief Russland grosse Gefahr, die elfte EM-Teilnahme zu verpassen. Unter anderem hatte in Schweden und gegen Moldawien jeweils nur ein 1:1 resultiert. Nach dem 0:1 in Österreich musste Fabio Capello gehen. Dessen Nachfolger Leonid Sluzki schaffte den Turnaround auf überzeugende Weise. Die Russen gewannen fünf der sechs Qualifikationspartien. Das reichte, um hinter dem ungeschlagenen Gruppensieger Österreich Zweiter zu werden. Mehr als ein Drittel der Treffer (8 von 21) ging auf das Konto von Artjom Dsjuba, der von Capello trotz bereits damals guter Quoten nicht an die WM 2014 mitgenommen worden war. Der Stürmer von Zenit St. Petersburg wird an der EM wohl mit Liga-Topskorer Fedor Smolow vom FK Krasnodar das Angriffsduo bilden.

Russland in Zahlen. – Einwohner: 144,1 Millionen. – Hauptstadt: Moskau. – Gründung des Verbandes Rossiyskiy Futbolny Soyuz: 1912. – FIFA-Ranking: 27. – Bisherige EM-Teilnahmen (10): 1960, 1964, 1968, 1972, 1988 (jeweils als Sowjetunion), 1992 (als GUS), 1996, 2004, 2008, 2012. – Bestes EM-Resultat: Europameister 1960. – Qualifikation: 2. der Gruppe G (10 Spiele/20 Punkte). – Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Artjom Dsjuba (Zenit St. Petersburg) mit 8 Toren. – Bekannteste Spieler: Dsjuba, Roman Schirokow (ZSKA Moskau), Igor Akinfejew (ZSKA Moskau). – Trainer: Leonid Sluzki (RUS/seit 2015).

Wenn die Slowakei nochmals derart furios startet, werden sich die drei Gruppengegner warm anziehen müssen. Die Basis zur erstmaligen EM-Teilnahme seit dem Erlangen der Unabhängigkeit 1993 legte der Debütant mit einem überragenden Beginn der Qualifikation. Aus den ersten sechs Spielen resultierten sechs Siege, darunter das 2:1 gegen Titelverteidiger Spanien. Die folgende Durststrecke mit drei torlosen Partien führte dazu, dass erst das 4:2 in Luxemburg am letzten Spieltag für die Erlösung sorgte. Im Gegensatz zu Wales hing das Schicksal der Slowaken nicht von einem Akteur ab. Die 17 Treffer erzielten neun verschiedene Spieler, wobei Napolis Marek Hamsik, das bekannteste Gesicht der Osteuropäer, mit fünf Toren der teaminterne Topskorer war.

Slowakei in Zahlen. – Einwohner: 5,4 Millionen. – Hauptstadt: Bratislava. – Gründung des Verbandes Slovensky Futbalovy Zväz: 1938 (seit 1994 UEFA-Mitglied). – FIFA-Ranking: 32. – Bisherige EM-Teilnahmen: keine. – Qualifikation: 2. der Gruppe C (10 Spiele/22 Punkte). – Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Marek Hamsik (Napoli) mit 5 Toren. – Bekannteste Spieler: Hamsik, Martin Skrtel (Liverpool), Juraj Kucka (Milan). – Trainer: Jan Kozak (SVK/seit 2013).

Der einsame Höhepunkt in der langen Geschichte des walisischen Verbandes war die WM-Teilnahme vor 58 Jahren. Seither mühte sich Wales vergeblich ab. Mit Gareth Bale weiss die Mannschaft von Chris Coleman, der kürzlich seinen Vertrag bis 2018 verlängert hat, einen Spieler in seinen Reihen, der das Prädikat Star durchaus verdient. In der Qualifikation war der Flügel von Real Madrid für Wales unverzichtbar. Sieben der elf Treffer des Zweiten der Gruppe B hinter Belgien erzielte er selber, zwei bereitete er vor. Offensiver Alleinunterhalter war er bereits während der verletzungsbedingten Absenz von Cristiano Ronaldo und Karim Benzema in den letzten Wochen der spanischen Meisterschaft. Die EM-Teilnahme bezeichnete Bale, immerhin schon Torschütze in einem Champions-League-Final, als “besten Moment seiner Karriere”.

Wales in Zahlen. – Einwohner: 3,1 Millionen. – Hauptstadt: Cardiff. – Gründung des Verbandes Football Association of Wales: 1876. – FIFA-Ranking: 24. – Bisherige EM-Teilnahmen: keine. – Qualifikation: 2. der Gruppe B (10 Spiele/21 Punkte). – Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Gareth Bale (Real Madrid) mit 7 Toren. – Bekannteste Spieler: Bale, Aaron Ramsey (Arsenal), Joe Allen (Liverpool). – Trainer: Chris Coleman (WAL/seit 2012).

(SDA)


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