Händchenhalten verboten

Ein türkischen Pärchen in der Hauptstadt Istanbul.
Ein türkischen Pärchen in der Hauptstadt Istanbul. © KEYSTONE/AP Photo/Murad Sezer
In der Türkei muss aufpassen, wer frisch verliebt ist: Die höchsten islamischen Gelehrten haben ein neues Rechtsgutachten erlassen, indem das Händchenhalten und Flirten von verlobten Paaren in der Öffentlichkeit verboten wird. Auch sollen sie nicht zu viel Zeit alleine verbringen. 

Verliebte sollen kein Verhalten an den Tag legen, dass “vom Islam nicht gebilligt wird”, schreiben die Religionsgelehrten in der Fatwa (=islamisches Rechtsgutachten). Wie der “Spiegel” berichtet, heisst es in der Fatwa über das Verlobtsein: “In dieser Phase ist es nicht ungewöhnlich, dass Paare sich treffen und miteinander reden, um sich kennenzulernen. … Gleichwohl könnte es unerwünschte Ereignisse geben, ob mit oder ohne Wissen der Familien.

Einflussreiche Empfehlungen

Diese “unerwünschten Ereignisse” sind Handlungen wie Händchen halten, Flirten, Zusammenleben ohne verheiratet zu sein, oder als Paar unbeobachtet zu sein. Dieses Verhalten ist laut der höchsten islamischen Instanz der Türkei, die “Diyanet”, unislamisch und deshalb zu vermeiden.

Die Rechtsgutachten der Diyanet sind zwar lediglich Empfehlungen und nicht einem Gesetz gleichzusetzen. Trotzdem sind die Weisungen dieser Instanz von grossem Gewicht. Die Diyanet kontrolliert sämtliche Moscheen in der Türkei. Sie gibt die Freitagsgebete vor und die Imame müssen sich zumindest an diesen Vorgaben orientieren. 100’000 Mitarbeitende sorgen für moralische Ordnung, oder versuchen es zumindest. Mehr als eine Milliarde Euro Steuergelder kostet die Diyanet die türkischen Bürgerinnen und Bürger pro Jahr.

Auch in Deutschland und in der Schweiz ist die Diyanet präsent. In Deutschland koordiniert die Diyanet die religiösen und kulturellen Tätigkeiten der nach eigenen Angaben rund 900 türkischen Moscheegemeinden. In der Schweiz ist der Einflussgrad der türkischen Behörde nicht bekannt.

Rechtsgutachten für Alles

Die Diyanet äussert sich zu allen möglichen Themen wie beispielsweise die richtige Waschung vor dem Gebet, oder über die Benutzung von alkoholhaltigen Reinigungsmitteln. Das erlaubt sie nämlich offiziell, auch wenn sie den Alkoholkonsum verbietet oder ihn zumindest kritisiert. Seit Mai 2015 ist der Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen in der Türkei verboten. Und auch die Alkoholsteuer wurde massiv erhöht.

Kritiker fürchten seither eine Islamisierung der demokratischen Republik Türkei. Auch der Tourismus leidet unter den strengen Alkoholrichtlinien.

Diskriminierung gegen Aleviten

Die Diyanet ist aber auch Minderheiten ein Dorn im Auge. Aleviten, eine islamische Minderheit in der Türkei, sehen sich durch die sunnitisch-orthodoxe Ausrichtung der Religionsbehörde nicht repräsentiert. Die Diyanet hat sogar eine Fatwa herausgegeben, die der Bevölkerung rät, keine Aleviten zu heiraten (obwohl sie auch Muslime sind). Die Aleviten machen zwischen 7 und 12 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung aus. Diese beträgt momentan knapp 80 Millionen.

(red)


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