«Ich bin stolzer Schrottmillionär»

Von Rohner Raphael
Der Ostschweizer Künstler Silvan Köppel zeigt seinen Volvo-Drachen in Heerbrugg.
Der Ostschweizer Künstler Silvan Köppel zeigt seinen Volvo-Drachen in Heerbrugg. © Raphael Rohner/FM1Today
Seit einigen Tagen steht beim Bahnhof Heerbrugg ein halbiertes Schrottauto, das von einem rostigen Skelett bestiegen wird. Hinter diesem schroff anmutenden Werk aus Eisen steckt der Ostschweizer Eisenplastiker Silvan Köppel. 

Archaisch, befremdend, überdreht, ausserirdisch und immer auch mit verspielten Details: Was auf den ersten Blick wie ein Haufen wild zusammen geschweisster Schrottteile aussieht, ist bei genauerem Hinsehen ein Werk mit Tiefgang. Das Werk des Eisenplastikers Silvan Köppel.

Eine Werkstatt aus fliegenden Funken?

Seine Exponate lassen auf einen Menschen schliessen, der voller Gewalt auf die Teile einschlägt, mit dem Schweissbrenner Stahlträger durchbrennt und dem Trennschleifer zu lauter Musik von Rammstein in einer Werkstatt aus fliegenden Funken seine Werke formt und dabei teuflisch lacht. Ein Mann der mit Zorn im Gesicht und einem Hammer in der Faust seine Gedanken fliegen lässt und die Figuren entstehen lässt, von denen er in einer stürmischen Nacht geträumt hat. Doch wer ist der Eisenplastiker wirklich?

Der Ostschweizer Künstler Silvan Köppel findet Inspiration bei den Tieren.

Raphael Rohner / FM1Today

Neue Eisenplastik in Heerbrugg

Es ist noch früh am Morgen in Heerbrugg, nahe des Bahnhofes, düstere Wolken am Himmel. Ein Lastwagen mit Kran fährt auf, der Fahrer ist noch unschlüssig: «Er wird kommen», sagt er. Dann fährt ein kleiner dunkler Geländewagen vor, der auf seinem Anhänger die Hälfte eines völlig ausgebrannten und malträtierten Volvos trägt. Ein langhaariger Mann, ganz in schwarz gekleidet, steigt aus dem Auto, seine blauen Augen blitzen kurz auf, als er in unsere Richtung blickt – «das muss er sein», flüstert der Chauffeur ehrfürchtig.

Der «Chinesische Volvo-Drachen»

Silvan Köppel lädt sein neustes Werk von seinem Anhänger: Einen, wie er ihn nennt, «Chinesischen Volvo-Drachen». Dieser soll aufzeigen wie die Chinesen die Schwedische Automarke Volvo aufgekauft haben und sie zerstören. Köppel hat ein etwas besorgtes, aber doch glücklich keckes Lachen im Gesicht, weil er gerade sein neustes Werk abladen und ausstellen kann. «Das Heben mit dem Kran ist immer recht diffizil», sagt der Chauffeur und Kranführer konzentriert.

Von einem «Metall-Hippie mit langen Haaren»

Dann steht es endlich und die Leute gehen daran vorbei: «Was in aller Welt soll dieser Schrott da», fragt eine Frau auf dem Velo. Ein Anzugträger geht staunend daran vorbei: «Riesig! Ein geiles Kunstwerk von einem Metall-Hippie mit langen Haaren.» Die Coiffeuse Silena Dassi freut sich über das Werk. Ihre Piercings im Gesicht glitzern in der Morgensonne: «Ich stehe eh auf Metallkunst und was dieser Köppel da aufstellt, ist echt geil.» Sie redet einige Worte mit dem Künstler, dessen Augen leuchten vor Freude.

 

«Unser Zuhause ist unsere Insel»

Wenige Zeit später erwartet mich Köppel bei sich zuhause. Vorbei an dutzenden Metallmännern mit alten Soldatenhelmen führt der Weg zu seiner Insel. Seinem Zuhause in Reute im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Auf seinem Hof hat es unzählige Werke aus Stahl und Metall. «Willkommen auf unserer Insel – hier sind wir daheim und finden Inspiration», sagt Köppel. Sein Gesicht ist faltig und seine Hände rau. Er lacht herzlich und streicht sich mit seinen Pranken durch die gräulich-schwarzen langen Haare.

Sein verschmitztes Grinsen steckt an. Sein Haus ist modern, schön und äusserst geräumig. Ich frage ihn, wie er sich dieses Leben leisten kann, diesen Reichtum: «Was heisst schon Reichtum – ich bin Schrottmillionär. Ich habe über eine Million Schrotteile hier. Zudem bin ich in der glücklichen Lage, dass ich von meiner Kunst leben kann. Zum Leben reicht es gerade Mal und mehr brauchen wir ja gar nicht.» Köppel ist sozusagen Selbstversorger. Er, seine Frau und sein Sohn halten auf ihrem Grundstück unzählige Tiere: «Die Esel, Geissen, Hühner, Hasen und so weiter geben uns alles, was wir zum Leben brauchen.»

Die Sprache einer zarten Seele

Aber nicht nur für den Topf seien die Tiere enorm wichtig. Köppel, der eigentlich eher mit seiner rohen, brachialen und harten Kunst auffällt, findet in den Tieren seine Inspiration: «Die Tierchen sind so clever und so geschickt im Leben. Immer wieder lerne ich dazu und finde dabei neue interessante Details über das Leben heraus. Ich versuche oft Eindrücke aus der Arbeit mit den Tieren in meine Werke einfliessen zu lassen.» Was gar nicht so leicht ist mit dem Schweissbrenner und dem Trennschleifer. Doch finden sich in Köppels Plastiken immer wieder Strukturen und verspielte Details, die an die Anatomie eines Tieres erinnern.

 

Der «Schrottspinner»

Vielleicht Köppels Geheimnis. Denn wenn er in seiner völlig verstellten Werkstatt den Brenner anwirft, wirkt er wie ein feinfühliger Maler vor seiner Staffelei. Die Schweissstellen wie Pinselstriche und die ausgesuchten Schrottteile ergeben plötzlich einen neuen Sinn. «Mir gehen manchmal während dem Arbeiten die verrücktesten Gedanken durch den Kopf», sagt der gelernte Schlosser. Er hält einen Stahlklumpen in der Hand, der einem Schädel gleicht: Mit Augen, Nase und Mund. Eine Maske?: «Ich muss mich nicht verstecken, auch wenn manche im Dorf sagen, dass ich der Schrottspinner sei.»

Sein neustes Werk beim Bahnhof Heerbrugg steht noch bis im Herbst und soll bald begrünt werden.

Hier geht es zum TVO-Artikel:

(rar)


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