Immer weniger Menschen sehen den Sternenhimmel

Der Anteil der Fläche mit Nachtdunkelheit beträgt nicht einmal mehr einen Fünftel der Schweiz. Hier leuchtet die Milchstrasse zwischen dem Piz Ela und dem Tinzenhorn oberhalb Filisur im bündnerischen Albulatal. (Archiv)
Der Anteil der Fläche mit Nachtdunkelheit beträgt nicht einmal mehr einen Fünftel der Schweiz. Hier leuchtet die Milchstrasse zwischen dem Piz Ela und dem Tinzenhorn oberhalb Filisur im bündnerischen Albulatal. (Archiv) © KEYSTONE/ARNO BALZARINI
Immer mehr Menschen auf der Welt haben nur noch einen trüben Blick auf den Sternenhimmel. Ursache ist die zunehmende Beleuchtung von Strassen, Plätzen, Häusern und Denkmälern. Wissenschaftler haben nun genau nachgemessen.

Über 80 Prozent der Weltbevölkerung, in den USA und Europa sogar 99 Prozent, leben unter einem mehr oder weniger lichtverschmutzten Himmel, wie ein Team internationaler Wissenschaftler herausfand. Mehr als ein Drittel der Erdbevölkerung könne vom Wohnort aus die Milchstrasse nicht mehr sehen, in Europa seien es 60 Prozent.

Die Forschungsergebnisse sind eine Neuauflage des 2001 erstmals erschienenen Atlas der Lichtverschmutzung. Das Team um den Italiener Fabio Falchi (Light Pollution Science and Technology Institute in Thiene) hat sie in der Fachzeitschrift “Science Advances” veröffentlicht.

Der an der Studie beteiligte Christopher Kyba vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam nennt die Beobachtungen besorgniserregend. Neben den nachtaktiven Tieren, die gelernt hätten, sich im Dunkeln zu orientieren, habe die Lichtverschmutzung auch negative Folgen für die Pflanzen, die den Wechsel von Tag und Nacht für die Photosynthese benötigten.

“Das Kunstlicht kann das Pflanzenwachstum behindern und so die Nahrungsgrundlage für viele Tierarten – etwa für Fische – beeinträchtigen”, sagte Kyba. Zudem kann zu viel Licht die inneren Uhr des Menschen beeinträchtigen. Schlafstörungen, Veränderungen im Herzrythmus und eine verminderte Melatoninproduktion sind die Folge.

Die 2001 im ersten Lichtatlas veröffentlichten Daten stammten aus den Jahren 1996 und 1997. Sie basierten auf Satellitendaten eines Programms der US Air Force. Die neuen präziseren Messungen lieferte der Nasa-Satellit Suzomi NPP, der die Erde seit 2001 umkreist.

Mit einem eigens dafür gebauten Instrument wurde 2014 erstmals das ins Weltall strahlende Licht der Städte gemessen. Rund 20 Prozent der gesammelten Daten stammten von Menschen, die als sogenannte Bürgerwissenschafter an dem Projekt beteiligt waren.

In Westeuropa gibt es demnach nur noch wenige richtig dunkle Regionen. Wer sie sucht, findet sie gemäss dem Lichtatlas am ehesten in Schottland, Schweden und Norwegen.

Schwerpunkt der Untersuchung waren die G20-Staaten, in denen die Lichtstrahlung an rund 21’000 Punkten gemessen wurde. Darunter haben Deutsche und Inder laut Studie noch die grössten Chancen, die Milchstrasse von ihrem Wohnort aus zu erkennen.

Auch in der Schweiz haben die Lichtemissionen stark zugenommen, seit den 1990er-Jahren um rund 70 Prozent. Nach den Angaben des Bundesamts für Umwelt (BAFU) beträgt der Anteil der Fläche mit Nachtdunkelheit nicht einmal mehr einen Fünftel der Schweiz.

(SDA)


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 1000 Zeichen