Warum Kirchenthriller so faszinieren

Tom Hanks posiert vor dem Filmplakat von Inferno bei der Vorstellung in Italien.
Tom Hanks posiert vor dem Filmplakat von Inferno bei der Vorstellung in Italien. © EPA/MAURIZIO DEGL' INNOCENTI
Diesmal ist ein Schweizer der Böse: Bei der neuen Dan Brown-Verfilmung «Inferno», die nächsten Donnerstag ins Kino kommt, ist der Bösewicht aus unserem Land. «Inferno» ist nach «Der Da Vinci Code – Sakrileg» und «Illuminati» die dritte Verfilmung eines Brown-Bestsellers. Wie viel Wahrheit steckt in den Kirchenthrillern? Wir fragen einen Kirchenhistoriker.

Die Bücher von Dan Brown fesseln Menschen auf der ganzen Welt. Seine Kirchenthriller wurden in über 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Diesen Donnerstag kommt mit «Inferno» die dritte Dan Brown-Verfilmung in die Schweizer Kinos. Damit werden die Verschwörungstheorien rund um den Vatikan, geheime Bruderschaften und verborgenes Wissen wieder aufflackern. Wie viel Wahrheit in den Geschichten von Dan Brown steckt, weiss Dr. Markus Ries. Der 57-jährige Thurgauer ist Prorektor und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern.

Dan Browns «Sakrileg – der Da Vinci Code» wurde weltweit über 80 Millionen mal verkauft, was fasziniert die Leser so an den Geschichten?

Sie sind fesselnd geschrieben und nehmen Bezug auf historische Fakten, die gut recherchiert sind. So können die Leser auf Touren durch London oder Rom die Orte aus den Büchern besuchen und die erwähnte Fibonacci-Folge, eine Art Wachstumsmuster der Natur, gibt es ja ebenfalls. Diese nachvollziehbaren Fakten, gemischt mit einer berührenden Geschichte verleihen den Romanen eine hohe Plausibilität.

Es ist, wie wenn ich in Australien vom Schwur auf der Rütliwiese erzähle. Kommt dann ein Australier in die Schweiz, kann er tatsächlich diese Wiese besuchen. Habe ich die Geschichte genug spannend dargestellt, so machen die tatsächlich existierenden Orte meine Geschichte nur noch glaubwürdiger.

Gibt es auch in ihrem Umfeld Leute die von den Dan Brown Geschichten fasziniert sind?

Ich habe tatsächliche viele Leute getroffen, auch in meiner Umgebung, die fanden: Das ist ja quasi ein Tatsachenbericht. Das liegt daran, dass die Geschichten gut und kenntnisreich gemacht sind. Es hat natürlich viele Elemente die sehr schön und interessant zusammengesetzt sind, das führt wohl dazu, dass die Geschichten an Plausibilität gewinnen.

Ein zentraler Punkt im Buch «Sakrileg» ist, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sein und eine Tochter gehabt haben soll. Könnte an dieser Theorie von Dan Brown etwas wahres sein?

Es gibt keine Hinweise, dass das historische Fakten sind. Es gibt vielfältige Überlieferungen, die weit zurück reichen und diese These kann nicht gestützt werden. Das ist eine Geschichte wie die von Wilhelm Tell: nett und charmant, man kann das Rütli besuchen aber mit historischen Fakten hat beides nichts zu tun.

Falls an dieser Geschichte aber doch etwas dran sein sollte, würde das die katholische Kirche in die grösste Krise der über 2000-jährigen Geschichte stürzen, wie es in «Sakrileg» beschrieben ist?

Im Buch kommt die Krise ja vor allem dadurch zustande, dass kirchliche Autoritäten, wie Opus Dei und die Römische Kurie, diese Tatsache bewusst verborgen gehalten haben und der Betrug dann auffliegt. Also das Öffentlich-werden der bewussten Geheimhaltung stürzt die Kirche in eine Krise.
Der andere Punkt, dass Jesus als verheirateter Mann völlig unvorstellbar wäre und den Glauben in Frage stellen würde, sehe ich nicht.  Das christliche Bekenntnis “wahrer Gott und wahrer Mensch” würde ja an einem menschlichen, verheirateten Jesus nicht scheitern.
Der Betrug ist das Problem. Die Priester sollen Jesus ledig gemacht und so zu einem Erlöser heraufstilisiert haben, der er nicht sei. Das ist der Punkt, um den es Dan Brown geht.

In «Sakrileg – der Da Vinci Code» spielt Leonardo Da Vincis Bild vom letzten Abendmahl eine entscheidende Rolle. Es soll nicht Jesus und seine 12 Jünger zeigen, sondern Da Vinci wollte damit geheime Hinweise auf die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena geben. An Stelle von Johannes, soll im Grünen Gewand Maria Magdalena neben Jesus sitzen. Ist an dieser These etwas dran?

Kopie von Da Vincis "Das letzte Abendmahl", Mosaik von Giacomo Raffaelli

Kopie von Da Vincis “Das letzte Abendmahl”, Mosaik von Giacomo Raffaelli (Foto: iStock/sedmak)

Die Beschreibung im Buch ist tatsächlich richtig. Man sieht Johannes rechts neben Jesus sitzen und kann gewisse Elemente des Bildes nicht zuordnen. Dass aber Da Vinci eine bestimmte Geheimbotschaft im Bild verstecken wollte, mit dieser Meinung steht Brown ziemlich alleine da. Auch Kunsthistoriker, also nicht nur Theologen oder der Vatikan, sehen in der Person im Grünen Gewand den Jünger Johannes. Das Bild entstand im Mittelalter und in der Tradition der Maler von damals, waren Johannes-Darstellungen genau in diesem Stil.

Warum wird gerade der Vatikan immer wieder in Verschwörungstheorien einbezogen?

Dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit: Eines der wichtigsten historischen Archive für die europäische Geschichte, ist das Vatikanische Archiv. Es heisst offiziell “Vatikanisches Geheimarchiv” weil es, wie alle anderen Fürstenarchive früher auch, geheim gehalten wurde. Bis vor 150 Jahren war das es auch der Forschung nicht zugänglich.
Heute stehen viele der Schriften der Forschung zur Verfügung, trotzdem heisst es immer noch «Vatikanisches Geheimarchiv» und bekommt so natürlich eine mystische Aura.

Geheime Archive sind, rein historisch gesehen, nichts Besonderes. Dass Archive öffentlich sind, dass die Verwaltung kontrolliert und nachvollziehbar stattfindet, ist eine moderne Idee und wird heute auch teilweise im Vatikan umgesetzt. Die Geschichte und der Name «Vatikanisches Geheimarchiv» tragen aber dazu bei, dass man Geheimhaltung und Verschwörung gerne mit dem Vatikan in Verbindung bringt.

Sie sagen, vieles aus dem Vatikanischen Archiv ist mittlerweile öffentlich. Warum nicht alles?

Die Modernisierung der Strukturen dauert im Vatikan noch an. Aus westlichen Verwaltungen kennen wir die Akteneinsicht, bei Dingen die einen selbst betreffen. Ebenso sind für uns transparente, nachvollziehbare Entscheidungsprozesse selbstverständlich. In dieser Art reglementiert und strukturiert sind die Prozesse im Vatikan noch nicht.

Das neuste Werk aus Browns Feder, «Inferno» kommt diesen Donnerstag in die Kinos. Es geht darum, dass Robert Langdon (Tom Hanks) eines Tages in einem Krankenhaus in Florenz erwacht. Er kann sich nicht an die vorherigen Tage erinnern. Als die Ärzte ihm erzählen, dass er angeschossen wurde, kann er sich nicht lange wundern, denn schon trachtet ihm eine fremde Frau nach dem Leben. Langdon kann gerade noch flüchten und entdeckt in einer Geheimtasche seines Jacketts eine Kopie des Gemäldes Mappa dell‘Inferno von Sandro Botticelli, das eine Darstellung der verschiedenen Höllenkreise enthält, wie sie Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie beschreibt.

Doch die Kopie weist Unterschiede zum Original auf – einige Buchstaben sind darin versteckt. Er begibt sich gemeinsam mit seiner Retterin, der Ärztin Dr. Sienna Brooks (Felicity Jones) auf eine Suche nach weiteren Hinweisen, die sie bis nach Istanbul führt. Langsam erkennen sie, dass die Spur zu einem wahnsinnigen Wissenschaftler führt, der an einem neuartigen Virus arbeitet, welches die Welt in den Abgrund stürzen soll.

(mis/cas)

 


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