Kinderdorf Pestalozzi wieder auf Kurs

Von Leila Akbarzada
Aufnahme aus dem Kinderdorf Pestalozzi aus dem Jahr 2003.
Aufnahme aus dem Kinderdorf Pestalozzi aus dem Jahr 2003. © KEYSTONE/Gaetan Bally
Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen feiert heute seinen 70.Geburtstag. Die Ausrichtung des Kinderdorfes hat sich seit der Gründung stark gewandelt. Seit Neuestem wohnen minderjährige, nicht begleitete Jugendliche im Kinderdorf.

Es ist idyllisch gelegen in Trogen, das Kinderdorf Pestalozzi. Vor 70 Jahren ist hier im Appenzellerland der Grundstein für eine soziale Vorzeigeinstitution gelegt worden. Freiwillige Helferinnen und Helfer aus dem In- und Ausland bauten die ersten Häuser auf mit dem Ziel, Kriegswaisen eine neue Heimat zu bieten. Die ersten Kinder, die im Kinderdorf Pestalozzi Zuflucht fanden, kamen aus den vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Ländern wie beispielsweise Deutschland, Polen, Italien oder Deutschland.

Das Kinderdorf erlangte schnell Weltbekanntheit. 500’000 Besucher kamen in den ersten zehn Jahren nach Trogen, unter anderen der damalige Dalai Lama. Bis 1970 wurden 15 Wohnhäuser gebaut. Heute sind es 21.

Engagement im Ausland

Bis in die 90er-Jahre nahm das Kinderdorf Pestalozzi Kinder aus Kriegsgebieten auf. Im Jahr 1982 begann die Stiftung des Kinderdorfes, die Arbeit auf die betroffenen Kriegsgebiete auszuweiten. Heute gibt es Projekte für Schulunterricht in Südostasien, Zentralamerika oder Ostafrika sowie auch Bildungsprojekte in Südosteuropa – immer mit dem Hintergrund, Kindern in schwierigen Umständen eine bessere Zukunft zu bieten.

Interkultureller Austausch im Fokus

Von der Gründung bis zum heutigen 70. Geburtstag hat sich vieles geändert. Heutzutage ist das Kinderdorf Pestalozzi kein Zufluchtsort mehr für kriegsversehrte Kinder. Interkulturelle Austauschprojekte stehen heute im Fokus: Kinder aus Südosteuropa kommen nach Trogen zu Besuch und lernen im Austausch mit Schweizer Kindern, Vorurteile abzubauen und Verständnis für andere Kulturen zu schaffen.

Kritik: Viele Kosten für einen Mythos

Für diesen Richtungswechsel musste das Kinderdorf Kritik einstecken. Die sehr hohen Betreuungskosten im Kinderdorf sorgten ab 2001 immer wieder für Auseinandersetzungen. Zudem tobte ein Richtungsstreit, weil sich die Ausgangslage seit der Gründung durch Walter Robert Corti vor 61 Jahren grundlegend verändert hatte. “Das Dorf als Zufluchtsort für kriegsgeschädigte Kinder und Jugendliche nach 1945 hatte sich überlebt” schrieb der Beobachter im Jahr 2007. Dennoch zehre das Fundraising der Stiftung bei den vielen, meist älteren Spendern und Gönnern noch von diesem Mythos.

Entlassungen, sinkende Nachfrage

Im 2013 dann die Hiobsbotschaft: Die Wohngruppe für Kinder und Jugendliche wurde aufgelöst, und daraus resultierte ein Stellenabbau von 23 Arbeitsplätzen. Die Nachfrage für die Wohngruppe sei immer mehr gesunken. “Kinder und Jugendliche mit Problemen werden heutzutage immer mehr in ihrem sozialen Umfeld betreut”, sagte damals Urs Egger, noch heute Vorsitzender der Geschäftsleitung der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, zu TVO. Die Abgelegenheit im Appenzellerland sei immer mehr ein Nachteil für das Kinderdorf geworden.

Und dann der Eklat

Mit dieser Entlassung war ein grosser Eklat verbunden. Ehemalige Mitarbeiter warfen der Geschäftsleitung im März 2014 schlechte Führung vor. Die Zustände seien chaotisch gewesen, und die Entlassungen fristlos. Zwei Geschäftsleitungsmitglieder wurden freigestellt. Mittlerweile hat sich die Situation wieder beruhigt.

Seit kurzer Zeit hat das Kinderdorf Pestalozzi ein neues Mandat: Am 21. April 2016 zogen 30 minderjährige, unbegleitete Asylsuchende in das Kinderdorf Pestalozzi ein. Die meisten der Jugendlichen stammen aus Kriegsgebieten. Damit kommt das Kinderdorf Pestalozzi seiner ursprünglichen Bestimmung wieder etwas näher.

 


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