Kommt es zur Appenzeller Kirchenrevolution?

Immer weniger Menschen gehen in die Kirche.
Immer weniger Menschen gehen in die Kirche. © Symbolbild/Susann Basler/TZ
Mitgliederschwund und Pfarrermangel bringen viele Kirchgemeinden in finanzielle Bedrängnis. Im Appenzellerland zeigt sich diese Entwicklung besonders stark. Der gemeinsame reformierte Kirchenrat der beiden Halbkantone prüft deshalb radikale Schritte: Er könnte seine 20 Kirchgemeinden zu einer Mega-Kommune fusionieren.

Die Aussichten für die Reformierten in den beiden Appenzell sind düster. Seit dem Jahrtausendwechsel hat die Mitgliederzahl im reformiert geprägten Ausserrhoden um zehn Prozent abgenommen. Dazu kommt, dass hier laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) im Jahr 2030 prozentuell am meisten Über-65-Jährige leben werden. Oder anders formuliert: Neben den Austritten aus steuertechnischen Gründen sterben der Kirche ihre Mitglieder weg. Das bringt die Institutionen vermehrt in finanzielle Bedrängnis. Dazu kommen Schwierigkeiten, den Bedarf an Pfarrern und Kirchenratsmitglieder zu decken. Es klemmt an allen Ecken und Enden.

Radikale Fusion steht im Zentrum

Was tun dagegen? Genau diese Fragen stellt sich dem Kirchenrat der Landeskirche beider Appenzell. Dass es eine Strukturreform braucht, liegt auf der Hand. Wie das Online-Portal “ref.ch” berichtet, liegen derzeit drei Szenarien auf dem Tisch. Die radikalste – und vielerorts derzeit beliebteste – sieht eine Fusion aller Kirchgemeinden in den beiden Halbkantonen zu einer Mega-Kommune vor. “Wenn wir nichts tun, laufen wir in absehbarer Zeit in grosse finanzielle Engpässe hinein. Das hängt auch damit zusammen, dass Ausserrhoden keine Kirchensteuern für juristische Personen kennt”, lässt sich Kirchenratspräsident Koni Bruderer zitieren.

Für diese revolutionäre Maximalvariante sprechen offenbar insbesondere finanzielle und organisatorische Gründe: “Diese sieht statt 20 Kirchgemeinden noch eine einzige Landeskirche vor. Die Verwaltungsgeschäfte würden zentral geführt, in drei bis fünf Kirchenregionen gäbe es Vorsteherschaften, die sich um inhaltliche Belange kümmern könnten”, sagt Bruderer.

Gegner befürchten Entwurzelung

Nicht überall stossen die Reformbestrebungen des Kirchenrats auf grosse Gegenliebe. Skeptiker befürchten eine Entwurzelung der lokal angesiedelten Kommunen. So ergeht es auch dem Bühler Pfarrer Lars Syring:  “Aus meiner 15-jährigen Erfahrung als Pfarrer im Appenzellerland bin ich der Meinung, dass die Kirchgemeinden in der Lage sind, ihre Probleme selber zu lösen. Und zwar dann, wenn sie auftreten. So ist derzeit die Besetzung von Pfarrstellen noch keine Schwierigkeit. Abgesehen davon finde ich es auch eine Chance, wenn eine Gemeinde mal ein Jahr lang eine Pfarrvakanz hat”, sagt er gegenüber “ref.ch”.

Die Reformbemühungen seien für ihn nur schwerlich nachvollziehbar: “Generell kann ich zu den drei Varianten sagen: Weil die Kirchgemeinden ihre Gemeindeautonomie zu grossen Teilen aufgeben müssten, dürften alle schwer zu vermitteln sein. Denn die Gemeindeautonomie wird in unserer Landeskirche hochgehalten.” (red)


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