«Kurzfilme sind wie Gedichte»

Von Laurien Gschwend
Die St.Gallerinnen Florine und Kim Nüesch, Macherinnen und Darstellerinnen von «Moon Girls».
Die St.Gallerinnen Florine und Kim Nüesch, Macherinnen und Darstellerinnen von «Moon Girls». © Still: vimeo.com
Kurzfilme sind kondensiert und intensiv, findet der Programmverantwortliche der Kurzfilmnacht-Tour der Winterthurer Kurzfilmtage. An diesem Wochenende macht sie im Kinok in St.Gallen halt.

Die beiden «langen Nächte des kurzen Films» am Freitag und Samstag werden durch das für die Ostschweiz zusammengestellte Programm «Made in St.Gallen» eröffnet. «Wir wollen vier jungen, frischen Kulturschaffenden die Plattform geben, ihr Können zu zeigen», sagt Stefan Staub, Programmverantwortlicher der Kurzfilmnacht-Tour. Die Filmemacher kommen ebenfalls ins Kinok, um dem Publikum einen Einblick in ihr Schaffen zu geben.

Abstrakte St.Galler Klubszene

So widmet sich der St.Galler DJ und Filmemacher Luca van Grinsven, der an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Film mit Vertiefung Sound Design studiert hat, dem Nachtleben. «Unter der Kugel» beleuchtet in einer subjektiven Perspektive die St.Galler Klubkultur des Jahrs 2016.

2016, weil dann der Dadaismus 100 wurde. «Der Kurzfilm ist im Rahmen eines ZHdK-Seminars entstanden», sagt van Grinsven. Die Hochschule habe den Teilnehmern viel künstlerische Freiheit gelassen, um in stark abstrahierter Weise ein Thema anzugehen. Der Filmemacher entschied sich dazu, seine Freunde ins Palace in St.Gallen einzuladen. Jeder brachte seine eigene Musik mit und tanzte dazu. Darüber legte van Grinsven eine Audiospur ohne Beat. «‹Unter der Kugel› soll zeigen, inwiefern sich jeder auf seine ganz persönliche Weise in etwas verlieren kann.»

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Eine Klubgängerin in «Unter der Kugel». (Still: vimeo.com)

Sein Werk erklären möchte Luca van Grinsven an den Kurzfilmnächten nicht. «Jeder soll sich ‹Unter der Kugel› anschauen und selber darüber entscheiden, was er davon hält. Ich finde es spannend, unterschiedliche Feedbacks zu erhalten.» Auf Kurzfilme möchte er sich in Zukunft nicht beschränken. Der Filmemacher geniesst es, seit dem Abschluss seiner Ausbildung vor zwei Monaten verschiedene Genres auszuprobieren. «Mit meinem besten Freund Linus arbeite ich momentan zum Beispiel am Drehbuch für einen Langspiel-Ritterfilm.»

Zwei Schwestern und der Mond

Florine und Kim Nüesch, die in St.Gallen aufgewachsen und für das Filmstudium nach Los Angeles gezogen sind, präsentieren «Moon Girls». Eine «stylische Romanze aus der US-Suburbia» erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die im Jahr 1969 inspiriert von der Mondlandung einen Sci-Fi-Streifen drehen möchten. Dabei finden sie Gefallen an den beiden Jungs von nebenan.

«Florine und ich sind beide schon lange fasziniert von den 60er Jahren», sagt Kim Nüesch. Vor allem die Mode, das Design und die Architektur von damals haben es den Schwestern angetan. «Uns war in ‹Moon Light› wichtig, alles möglichst authentisch aussehen zu lassen, auch wenn unser Budget begrenzt war.» Zwischen der Idee und dem Dreh seien nur drei bis vier Wochen vergangen. «Der Kurzfilm ist inspiriert von uns selber. Auch wir sind zwei Schwestern, die gemeinsam Filme machen wollen.»

Kurzfilme seien eine tolle Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und Erfahrungen zu sammeln, finden die Nüesch-Schwestern. «Aber unser Ziel ist sicher, irgendwann Spielfilme zu realisieren.» Im Dezember 2016 haben Florine und Kim Nüesch in Los Angeles ihre eigene Firma gegründet: Nüesch Sisters Productions.

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Florine und Kim Nüesch in «Moon Girls». (Still: vimeo.com)

Die Konflikte der Männer

«Män» heisst der Kurzfilm von Natasha Zünd aus der Speicherschwendi, die an der ZHdK Style und Design studiert hat. Sie geht darin dem Thema Männlichkeit nach: Wie geht es den Männern von heute, die als Kunden für Modeindustrie und Kosmetik-Marketing entdeckt wurden, welche Konflikte und Herausforderungen beschäftigen sie?

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Einer der Protagonisten von «Män». (Still: vimeo.com)

Ein dicker Junge in der Werbung

Der St.Galler Noah Demirci mischt «Made in St.Gallen» auf: «Lube-X» umfasst witzige Werbeclips für ein fiktives Produkt, welches das problematische Leben eines überdurchschnittlich grossen und dicken Jungen in dessen viel zu kleiner Welt verbessern soll. Demirci hat an der Hochschule Luzern (HSLU) Animation studiert.

Der grosse und dicke Junge in «Lube-X». (Still: wiki.animation.hslu.ch)

Auf «Made in St.Gallen» folgen vier weitere Blöcke: Gezeigt werden die erfolgreichsten Titel der Schweiz aus dem Jahr 2016 sowie Kurzfilme zu dem Themen Familie, Frankreich und Sexualität. «Ich denke, das Programm ist sehr abwechslungsreich und unterhaltsam», sagt Stefan Staub. Zwischen den einzelnen Filmen gebe es kurze Pausen, um das Gesehene zu verarbeiten und sich darüber auszutauschen.

Senioren und die Digitalisierung

«Das, was am stärksten bewegt, bleibt am Ende hängen», sagt der Programmverantwortliche. In Bern sei beispielsweise «Digital Immigrants» von den Schweizer Filmemachern Dennis Stauffer und Norbert Kottmann sehr gut angekommen. Der 21-minütige Streifen dokumentiert Senioren, die den Anschluss ans digitale Zeitalter nicht verpassen möchten.

Senioren in «Digital Immigrants». (Still: digital-immigrants.ch)

Senioren in «Digital Immigrants». (Still: digital-immigrants.ch)

Kondensiert und intensiv

Warum Kurzfilme (manchmal) besser sind als Zweistünder? «Meiner Meinung nach schaffen es Kurzfilme, eine Geschichte in stark verdichteter Form zu erzählen. Sie sind emotional oftmals stärker als längere Filme», sagt Stefan Staub. Kurzfilme seien wie Gedichte im Vergleich zu langen Texten – kondensiert und intensiv.

Der Trailer zur Kurzfilmnacht-Tour 2017:

 

Die beiden identischen Kurzfilmnächte finden am Freitag, 21. April, und Samstag, 22. April, jeweils ab 19 Uhr im Kinok in der Lokremise St.Gallen statt. Tickets kannst du über das Kinok beziehen. Der ganze Abend kostet 28 Franken. 


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