Landidyll und Einfamilienhaus: In der Schweiz wollen viele beides

Wer "im Grünen" leben will, fördert oft die Zersiedelung und trägt dadurch nicht unbedingt zur Verschönerung der Landschaft bei. (Symbolbild)
Wer "im Grünen" leben will, fördert oft die Zersiedelung und trägt dadurch nicht unbedingt zur Verschönerung der Landschaft bei. (Symbolbild) © Keystone/GAETAN BALLY
In der Schweiz bezeichnen sich viele Menschen als «umweltbewusst», wollen aber nicht aufs Fliegen verzichten. Sie sehnen sich nach «ländlicher Idylle», doch ihr Einfamilienhäuschen trägt zur Zersiedelung bei. Sind wir also alles Heuchler? Jein, lautet das Fazit einer neuen Studie.

Für ihre Untersuchung hat die Forschungsstelle sotomo mehr als 20’000 Personen zu ihren Lebensentwürfen befragt und dabei die Übereinstimmung zwischen «Wunsch und Wirklichkeit» unter die Lupe genommen. Egal, ob es darum geht, zwischen Familie und Karriere zu wählen, zwischen Umwelt und Konsum oder zwischen Treue und Vergnügen: Oft wollten die Menschen hierzulande «beides», kamen die Forscher zum Schluss.

Wunsch nach Landidylle

Etwa bei der Wohnsituation: Zwei von drei Befragten (64 Prozent) träumen laut der Studie von einem Leben «in einer schönen Landschaft». Obwohl hierzulande nur eine Minderheit auf dem Land lebt, haben offenbar die meisten Sehnsucht nach einer ländlichen Idylle.

Neben der Naturnähe ist fast der Hälfte der Befragten (48 Prozent) aber auch die Verkehrsanbindung und die Nähe zum Arbeitsort ein wichtiges Anliegen. Der Wunsch nach beidem lässt sich in der Praxis jedoch nicht immer gleichwertig realisieren. Das eine gehe langfristig vielmehr auf Kosten des anderen, rufen die Autoren in Erinnerung. Wer nicht allzu weit abgelegen und doch im Grünen leben wolle, fördere die Zersiedelung und wirke damit letztlich dem Anspruch nach einer schönen Landschaft entgegen.

Längeres pendeln

Personen, die eine schöne Landschaft als wichtiges Kriterium für ihre Wohnsituation angeben, pendeln nämlich im Schnitt weiter zu ihrem Arbeitsort und leben häufiger in einem Einfamilienhaus als die Stadtbewohnerinnen und -bewohner (38 zu 28 Prozent). Sie würden damit vermehrt zur Bodenbeanspruchung und damit zu dessen Versiegelung beitragen, so die Autoren.

Ein zweites Beispiel: Eine Mehrheit der Befragten (59 Prozent) schätzt Umweltbewusstsein und ökologische Nachhaltigkeit als wichtig oder sehr wichtig ein. Die Studie zeigt jedoch, dass dieses Ideal keinerlei Einfluss auf die Pendeldistanzen und den Wohnungsstil hat. Lange Arbeitswege und Wohnen im Einfamilienhaus – beides ressourcenintensive Verhaltensweisen – sind bei jenen, die sich umweltbewusst nennen, ebenso verbreitet wie bei allen anderen.

Nur bei Bio-Lebensmitteln wirklich umweltbewusst

Sogar das Vielfliegen, das mit mehr als einer privaten Flugreise pro Jahr definiert wird, sei bei den Nicht-Umweltbewussten nur mässig häufiger als bei den sogenannt Umweltbewussten (43 gegenüber 40 Prozent). Ökologische Ideale wirkten sich also kaum auf das Verhalten aus, wenn sie mit Verzicht und Einschränkungen verbunden seien, folgern die Forscher.

Einzig bei den Bio-Lebensmitteln wirke das Umweltbewusstsein: Für 74 Prozent der Umweltbewussten ist der Kauf von Lebensmitteln mit Bio-Label wichtig oder sehr wichtig. Bei den Personen, die sich selbst nicht als umweltbewusst bezeichnen, sind Bio-Produkte demgegenüber nur für 37 Prozent wichtig.

Grundlage der Studie ist eine Umfrage, die auf den Onlineportalen der Zeitungen «Blick» und «Le Matin» durchgeführt wurde. Den Auftrag für die Erhebung gab die Krankenkasse KPT.

(SDA)


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