“Man hat mich als Sekte beschimpft”

Von Lara Abderhalden
“Man hat mich als Sekte beschimpft”
© pd: Tino Konino
Ihre Jugend verbrachte Sara* als Kind Gottes der Gemeinde Adullam im Toggenburg. Mit 15 liess sie die Gemeinde hinter sich und mit ihr Eltern und Geschwister. Heute ist sie Pflegefachfrau und Fotomodell und blickt mit gemischten Gefühlen auf ihre Jugend am Rande der Gesellschaft zurück.

Die langen braunen Haare umschliessen das ebenmässige Gesicht mit den tiefblauen Augen. Sara trägt enge Hosen, ist modern gekleidet. Nicht immer galt sie als hübsches Mädchen. In der Schule wurde sie ausgelacht und mit “Sekte” beschimpft. Nur ungern denkt sie an ihre Kindheit zurück. Trotzdem erklärt sie sich bereit, uns ihre Geschichte, ihr Aufwachsen in der Gemeinde “Adullam” zu erzählen.

“Meine Eltern waren lange auf der Suche nach dem wahren Glauben. Für meinen Vater war die katholische Kirche immer zu wenig. Er wollte nur mit Gott leben”, erzählt Sara. Als sie vier Jahre alt war, schien gefunden, wonach der Vater sich lange gesehnt hatte. Auf der Strasse verteilte jemand Bibeln und machte ihren Vater auf das Adullam im Toggenburg aufmerksam.

Die Familie zog von Luzern nach Wattwil. Sara wuchs nicht im Adullam auf. Sie wohnte in der Nähe und besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst. Die Familie lebte komplett nach der Bibel. So trug Sara immer nur Röcke, die bis zum Boden reichten. Es gab keinen Fernseher und auch kein Kino, wenn die anderen in die Badi gingen, blieb sie zu Hause. “Als Kind macht man sich nicht so viele Gedanken, was richtig oder falsch ist, man macht einfach das, was die Eltern vorleben.”

Schlimm wurde es, als Sara in die Schule kam. “Da bemerkte ich die Gegensätze. Ich wurde von meinen Mitschülern ausgelacht.” Sie habe völlig abgeschottet gelebt. Es sei eine sehr schwierige Zeit gewesen: “Wenn ich in Wattwil durch die Strassen lief, riefen sie mir ‘Sekte’ hinterher.”

“Ich begann mich zu fragen, weshalb ich einen Rock anziehen musste. Ist man ein besserer Christ, wenn man einen Rock trägt?” Ihre Mutter zwang sie nie dazu, sie habe aber auch nie gefragt, ob sie Hosen anziehen dürfte. “Es hiess einfach, Gott gefällt es besser wenn man einen Rock trägt.”

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pd: /Sara mit Rock, als sie noch bei Adullam war.

Der Umzug verändert ihr Leben

Als Sara 15 war, veränderte sich ihr Leben. Sie liess Wattwil und die Hänseleien hinter sich und zog alleine nach St. Gallen. “Ich habe angefangen Hosen anzuziehen, wenn ich weg ging. War ich zu Hause trug ich weiterhin einen Rock.” Sie wollte ihren Eltern gefallen und ihnen folgen. Sie war ja noch minderjährig. In dieser Zeit haben ihre Eltern oft versucht, sie wieder für die Kirche zu begeistern.

“Wenn man eine Weile von dort weg ist, merkt man erst wie strikt die Vorschriften waren”, sagt Sara. “Wenn man dort ist, merkt man gar nicht, dass man in einer Gruppe ist, die eng zusammen und nach unzähligen Regeln lebt.”

Daran habe sie irgendwann angefangen zu zweifeln: “Man kann in der heutigen Zeit gar nicht mehr 1:1 nach der Bibel leben.” Heutzutage habe man Smartphones und Autos und streng genommen seien diese nach der Bibel verboten. Auch das mit den Kleidern sei Interpretationssache: “In der Bibel steht lediglich, dass Männer Männerkleider und Frauen Frauenkleider tragen sollen, aber was sind schon Frauenkleider?”

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pd: Tino Konino/ heute modelt Sara

“Heute trinke ich Alkohol”

Seit einem Jahr ist Sara komplett weg vom Adullam. Sie glaubt immer noch an Gott aber anders: “Er gibt mir immer noch Kraft und wenn ich ihn brauche, bete ich auch.” Sie laufe aber nicht mehr in Röcken herum, auch zu Hause nicht mehr. Sie gehe in den Ausgang und trinke ab und zu Alkohol, wie alle anderen, ganz normal.

Das schwierige war nicht das Weggehen, da für sie die Gemeinschaft nie ein Zwang war. “Ich machte mir selbst einen Zwang, weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte.” Sie hätte jederzeit gehen können. “Wenn du jedoch seit frühster Kindheit mit der Bibel konfrontiert bist, ist es schwierig, das Ganze einfach fallen zu lassen.” Man glaube alles, beispielsweise das mit Himmel und Hölle. Sie habe heute manchmal noch Angst, in die Hölle zu kommen, weil sie nicht mehr nach den Grundsätzen der Bibel lebe.

Das Adullam stelle es geschickt an, meint sie. “Werner Arn als Person, kann schon sehr überzeugend sein. Er lässt nicht mit sich diskutieren.” Für ihn gebe es nur eine Interpretation der Bibel. “Er meint es nur gut und möchte den Leuten helfen, dennoch sieht er es einfach zu streng.”

1000er-Note im Briefkasten

Was das Finanzielle anbelangt, wurde Sara von ihren Eltern immer gesagt, Gott versorge sie. “Eines morgens hatten wir einfach eine 1000er Note im Briefkasten”, als Kind habe sie deshalb geglaubt, das stimme. Jedoch war das einfach jemand aus der Gemeinde, der ihnen das Geld geschenkt hatte. “In der Bibel steht, man müsse immer den zehnten Teil weitergeben.” So versorgt sich die Gemeinde.

Obwohl Sara eine schwierige Kindheit hatte, verurteilt sie ihre Eltern nicht. Sie habe auch viel daraus gelernt: “Ich kann heute viel besser mit Menschen umgehen, die früher gehänselt wurden, weil ich es selber erlebt habe.” Dies helfe ihr im Beruf als Pflegefachfrau.

Kontakt mit ihren Eltern und ihrer Schwester hat sie noch immer: “Meine Schwester ist jetzt verlobt”, sagt sie lächelnd. “Es ist halt so, dass du keinen Freund haben darfst, du musst dich gleich verloben”, Sex vor der Ehe ist bei Adullam eine Sünde. Dafür kommt man in die Hölle.

“Es geht immer nur um den Rock”

Nicht nur der Umzug veränderte Saras Leben, sondern auch das gelegentliche Modeln. “Plötzlich haben mir Personen geschrieben, die mich früher ausgelacht haben. Sie schrieben, wie hübsch ich sei und ob wir uns einmal treffen können.” Einige entschuldigten sich dafür, sie früher verspottet zu haben. “Es ging immer nur um diesen Rock. Wie kann man einen Menschen nur auf seinen Rock reduzieren? Warum werden Menschen schief angesehen, die anders aussehen?” Sie sei heute charakterlich noch genau dieselbe Person, die sie vor einigen Jahren war. Nur äusserlich habe sie sich verändert. Sie glaubt weiterhin an Gott, aber ohne Rock und ohne Gottesdienst.

Aus dem Gespräch mit Sara ist eines zu erkennen: Sara hat zwar mit dem Adullam abgeschlossen, dennoch prägt ihre Vergangenheit ihre Zukunft. Denn in gewisser Weise hat ihr das Adullam die Kindheit geraubt.

*Name geändert

(abl)


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