Marcels Kollers Trick im Meisterjahr

Von Christian Ortner
Marcel Koller wurde in der Schweiz eben erst zum "Trainer des Jahres" ausgezeichnet.
Marcel Koller wurde in der Schweiz eben erst zum "Trainer des Jahres" ausgezeichnet. © Keystone/Nick Soland
Österreich liegt Marcel Koller zu Füssen. Jetzt ist auch ein Buch über den österreichischen Teamchef und Schweizer Trainer des Jahres erschienen. Darin erfährt man, was ein vergilbtes Bild der Meistermannschaft von 1904 mit dem Titel des FC St.Gallen von 2000 zu tun hat.

Marcel Koller ist auf Besuch nach St.Gallen gekommen. Für das über 300 Seiten starke Buch “Marcel Koller –Die Kunst zu siegen” war der Zürcher zu allen Stationen seines Fussball- und Trainerlebens gereist. Im Espenmoos trifft er Werner Zünd, FC St.Gallen-Legende und seinen Assistenztrainer von damals. Damals, im Jahr 2000, als der FCSG von 30‘000 Menschen auf dem Marktplatz gefeiert wurde. Damals, als der Meistertitel zum zweiten und letzten Mal in den Osten der Schweiz ging.

Dabei musste sich Koller bei seinem Amtsantritt eineinhalb Jahre zuvor noch die Augen reiben, als er nach seinem Wechsel aus Wil feststellte, wie unprofessionell der FCSG in manchen Bereichen aufgestellt war. Viele Spieler waren nebenbei berufstätig, an ein Vormittagstraining war nicht zu denken. Koller erinnert sich im Buch an folgenden Dialog: “Trainer, geht nicht. Wir haben Computerkurs.” Und ich: “Computerkurs? Wir sind Profis, wir haben hier zu trainieren damit wir weiterkommen.” Und die darauf: “Wir haben uns da angemeldet.”

Zustände, die er glaubte nach seinem Wechsel aus Wil hinter sich gelassen zu haben. Wiewohl er auch diese Zeit nicht missen will. “Ich verbinde mit Wil wichtige, gute Erfahrungen.
Das war meine erste Station als eigenständiger Profitrainer.” Eine Zeit, reich an amüsante Anekdoten. Koller erzählt von den ersten Videoanalysen, die nur möglich waren, weil man von der Terrasse eines benachbarten Hochhauses Training und Spiel filmen durfte. Koller erzählt aber auch vom eigenen Stand des Vereins auf dem Adventmarkt, um Geld mit Hammer-und-Nagel-Spielen in die klamme Vereinskasse zu spülen. “Weil die aber im Ort alle so gut und treffsicher waren, verloren wir leider mehr als wir einnahmen.”

Zurück im Espenmoos lässt Werner Zünd nochmals Revue passieren, was den Trainer und Menschen Marcel Koller schon immer ausgemacht hat. “Aug‘, G’Spür und Herz.” Koller habe damals ein vergilbtes Schwarz-Weiss-Foto der Meistermannschaft von 1904 in der Mannschaftskabine an die Wand genagelt und zu den Spielern gesagt: “Ich will, dass ihr euch das jedes Mal anschaut. Es soll euch inspirieren und anspornen, es ihnen nachzutun!” Der Rest ist Ostschweizer Fussballgeschichte.

Marcel Koller – Die Kunst des Siegens von Hubert Patterer, Edition Bücher, 304 Seiten.


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