Meister, Absteiger, Bergsteiger

FCSG-Fans unterstützen ihre Mannschaft beim Heimspiel gegen Thun.
FCSG-Fans unterstützen ihre Mannschaft beim Heimspiel gegen Thun. © Keystone/Benjamin Manser
Nach einem Viertel der Meisterschaft ist der FC St.Gallen sensationell erster Verfolger von Leader YB. Eine schöne Momentaufnahme. Oder doch mehr? Ein Kommentar von Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Der Panenka ist wohl die umstrittenste Form des Elfmeters. Der Ball wird dabei locker und halbhoch in die Mitte des Tores gechippt – hat der Schütze damit Erfolg, wird er für seine Genialität und Schlitzohrigkeit gefeiert. Durchschaut der gegnerische Torhüter aber sein Spielchen, kann sich der Schütze Spott und Hohn gewiss sein, wird er als abgehobene Diva verschrien.

Der Panenka zeigt eindrucksvoll, wie nahe im Fussball Sein und Nichtsein beieinanderliegen. Man stelle sich vor: Der FC St.Gallen hätte im Schweizer Cup den Penalty-Krimi gegen den Zweitligisten Linth verloren und danach auch in der Meisterschaft gegen Basel und Thun nicht reüssiert. Er läge am Tabellenende, die Querelen in der Chefetage wären nach wie vor allgegenwärtig, die Vertrags-Verlängerung von Trainer Giorgio Contini würde stark kritisiert.

Stattdessen obsiegten die Espen nicht nur im Cup, sie reihten auch in der Meisterschaft erstmals in dieser Saison zwei Siege aneinander. Und so träumt eine ganze Fussball-Region vom grossen Coup und fiebert dem Spitzenkampf vom kommenden Sonntag bei Leader YB entgegen.

Ist also die beste Platzierung seit fünf Jahren nur Zufall? Mitnichten.

Contini hat geliefert

Zugegeben, der Zeitpunkt der Vertragsverlängerung für den St.Galler Trainer – mitten im Auge des Sturms – mutet nach wie vor seltsam an. Doch Contini hat geliefert. Er hat aus der wohl talentiertesten Truppe seit dem Meistertitel im Jahr 2000 eine starke Einheit geformt, die Ausfälle von Leistungsträgern wie Toko, Tschernegg oder Barnetta kompensieren kann.

Er lässt Silvan Hefti im Abwehrzentrum auflaufen, auf einer Position, die der noch nicht 20-Jährige dereinst wohl auch im Schweizer Nationalteam bekleiden wird. Und Contini beherrscht mehr als nur ein Spielsystem, kann sich Gegnern und Spielsituationen anpassen und ist so schwierig zu berechnen.

«Langsam werden wir für die Arbeit der letzten Monate belohnt», diktierte Contini nach dem 3:0-Heimsieg am Sonntag gegen Thun in die Notizblöcke der Reporter. Und auch der Trainer, der seine «Belohnung» schon vor Wochen bezog, hat diese vorläufig gerechtfertigt.

Hernandez und die Aufbruchsstimmung

Nach dem ersten Viertel der Saison haben nur die Berner Young Boys mehr Punkte geholt als der FC St.Gallen. Das erstaunt. Zumal die Unruhen in der Klubführung – drei von sieben Verwaltungsräten verliessen das Gremium – seit dem Kick-off im Juli ein steter Begleiter waren. Der Erfolg der ersten Mannschaft hat die Aufmerksamkeit nun wieder auf den Rasen gelenkt.

Und das freut einen wohl mehr als jeden anderen: Präsident Stefan Hernandez, den Nachfolger von Hauptaktionär Dölf Früh. «Es herrscht eine Aufbruchsstimmung, es arbeiten nun alle wieder in dieselbe Richtung, ich habe ein richtig gutes Gefühl», sagte Hernandez einen Tag vor dem 2:1-Sieg über den FC Basel.

Dass das Gefühl ihn nicht getäuscht hat, ist Hernandez zu gönnen. Der Einstieg in sein Amt war alles andere als einfach, er wurde als Marionette von Dölf Früh verunglimpft, von ehemaligen Verwaltungsrats-Kollegen öffentlich verbal attackiert und blieb doch stets sachlich. Er verlangte lediglich, dass man ihm Zeit geben möge, seine Ideen zu verwirklichen.

Der Präsident, der sich an Heimspielen lieber eine mit Bratwurst mit Bürli gönnt, statt geräucherte Entenbrust mit Avocadosalat zu speisen, hat vor dem Saisonstart die Top fünf als Ziel ausgegeben. Im ersten Quartal hat die Mannschaft dieses Ziel übertroffen.

Die Tabelle lügt nicht – oder etwa doch?

Platz zwei, vor dem FC Zürich und vor Basel. Nein, die Tabelle lügt nicht. Man muss sie aber auch kritisch lesen: Fünf Punkte hinter Leader YB, sieben Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Das zeigt, wie gering die Abstände zwischen den Teams der Super League sind.

Der FC St.Gallen – und nicht nur er – pendelt in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen Meisteranwärter und Abstiegskandidat hin und her. Doch erreicht auch ein Bergsteiger den Gipfel nur dann, wenn er bereit ist, einen Schritt nach dem anderen zu nehmen. Schliesslich gilt eine Floskel, die schon jedes Phrasenschwein prall gefüllt hat, hierzulande fast noch mehr denn anderswo: Im Fussball kann es schnell gehen.

Trotzdem ist Platz zwei eine Momentaufnahme, die Hoffnung macht. Sie ist der langersehnte Beweis dafür, dass in der Mannschaft viel Qualität vorhanden ist. Vielleicht nicht genügend Qualität für den Meistertitel, wahrscheinlich genug, um in die Europa League zurückzukehren und ganz sicher zu viel, um abzusteigen.

Die offenen Baustellen

Alles in Butter also rund um den FC St.Gallen? Nicht ganz. Die offenen Baustellen, die in den vergangenen Wochen nur allzu deutlich wurden, müssen angepackt werden.

Es fehlt noch immer ein Sportchef. Der FC St.Gallen führt Gespräche mit diversen Kandidaten, die Blasucci-nahen Bernt Haas und Martin Andermatt, sowie der ehemalige Meistertrainer Marcel Koller sollen nicht darunter sein. Präsident Hernandez legt allerdings grossen Wert auf das sportliche Gewissen – zumal er mit dessen Installierung den Beweis antreten kann, nicht von Dölf Früh gesteuert zu werden.

Die Abgänge in der Event AG und im Verwaltungsrat müssen klug kompensiert werden, schliesslich ist nicht nur Know-how sondern vor allem viel Herzblut verloren gegangen. Dazu liegt das Hauptaktionariat immer noch in den Händen eines Mannes, der nach eigener Angabe nicht als graue Eminenz wirken will.

Die Baustellen sollten baldmöglichst geschlossen werden. Es sei denn, der sportliche Lauf geht weiter. Wenn der FC St.Gallen am Sonntag in Bern gewinnt, werden graue Eminenzen, Verwaltungsräte oder Sportchefs keinen interessieren. Aber wehe, wenn der Panenka pariert wird.

Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber (Bild: TVO).

 


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