Menschenversuche kommen unter die Lupe

Menschenversuche kommen unter die Lupe
Rund 1’600 Personen mussten in der düsteren Ära der Psychiatrischen Klinik für Medikamentenversuche hinhalten. Jetzt wurde ein Forschungsauftrag in Höhe von 750’000 Franken zu diesem dunklen Kapital schweizerischer Medizingeschichte vergeben.

Was geschah hinter den Mauern der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen? Zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren führte der als Vater der Antidepressiva bekannt gewordene Psychiater Roland Kuhn dort im grossen Stil Medikamentenversuche durch. Erwachsene, Kinder, aber auch Schwangere waren von den Forschungen betroffen – alles passierte ohne deren Einwilligung. Behörden, Ärzte anderer Kliniken und die Pharmaindustrie in Basel waren über die Vorgänge in Münsterlingen im Bilde. Für das Schicksal der Patienten, die oft unter Nebenwirkungen litten, interessierte sich damals niemand.

Unterdessen gilt es als gesichert, dass die Medikamentenversuche auch Menschenleben kostete. Den Akten zufolge seien zwischen 1954 und 1957 insgesamt 23 Personen bei den Testreihen der Tabletten G22150 und G28568 gestorben. Es könnten noch weitere Todesfälle auf Roland Kuhns Konto gehen. Formulare im Thurgauer Staatsarchiv belegen, dass der damalige Klinikleiter an vielen Patienten mehrere Substanzen gleichzeitig testete. Mehrere Versuche lösten einander nahtlos ab. Bei einzelnen Patienten war laut Recherchen des “Beobachter” direkt hinter dem Datum des Testabschlusses ein Totenkreuz gezeichnet – manchmal sogar das Todesdatum. In keinem der Fälle wurde die Ursache genannt.

Forscher werden die tragische Geschichte nun erstmals wissenschaftlich aufrollen: Der Thurgauer Regierungsrat stellt dafür 750’000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Verfügung. Das Team steht unter der Marietta Meier. Sie wirkt an der Universität Zürich als Privatdozentin und hat mehrere Bücher und Aufsätze zu psychiatriehistorischen Themen publiziert.

Dem Forschungsteam gehören auch Magaly Tornay und Mario König an.  Tornay hat ihre Dissertation über einen Teilaspekt der Psychopharmakaforschung geschrieben und dabei ebenfalls auf Münsterlinger Quellenmaterial zurückgegriffen. Auch sie ist dadurch mit den Verhältnissen vor Ort schon gut vertraut. Mario König ist im Thurgau bekannt für seine fundierte Studie über die Firma Saurer in Arbon sowie seine Huggenberger-Biografie, die er vor Jahren zusammen mit Rea Brändle verfasst hat. Er hat eben eine Studie über die chemische Industrie in Basel abgeschlossen.

Noch heute leiden ehemalige “Patienten” unter den Nebenversuchen dieser Medikamentenversuche. Einer davon ist Walter Emmisberger. Er erzählte seine bewegende Geschichte im letzten Jahr im TVO ( siehe Video).

(red/pd)


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