#MeToo-Debatte in der Hip-Hop-Szene

Von René Rödiger
Starke Frauen wie Princess Nokia geben den Ton an.
Starke Frauen wie Princess Nokia geben den Ton an. © Emma McIntyre/Getty Images for FYF
In der Hip-Hop-Szene soll es keine #MeToo-Debatte geben, heisst es in einem vielbeachteten Artikel der «Süddeutschen», den der «Tagesanzeiger» übernommen hat. Aber stimmt das wirklich?

«Sexismus und Gewalt sind im Hip-Hop allgegenwärtig. Warum gibt es in der Branche trotzdem keine #MeToo-Debatte?» So beginnt der Artikel «Wo die Widerwärtigkeit Norm ist» vom Dienstag in der «Süddeutschen Zeitung». Der Autor zählt viele Beispiele von sexuellem Missbrauch in der Rap-Szene auf und kommt zum Schluss, dass solche «Eskapaden» der Grossen des Hip Hop ihnen mehr nützt als schadet.

Werde ein solch abgeschlossenes System mit dem Druck einer #MeToo-Debatte konfrontiert, reagiere es mit Gegendruck. Die Hip-Hop-Branche sei «ein prächtiges Anschauungsobjekt», wie die Sprache, das Gebaren und das Fördern von Missbrauch und Gewalt eine Gesellschaft präge. Allerdings stimmt das so nicht. Hip-Hop ist kein abgeschlossenes System mehr. Rapperinnen und Rapper sind schon lange im Mainstream, in den Charts, im Pop angekommen. Es ist ein Genre, dass verschiedene Szenen und Stile hat. Nie war Hip-Hop so vielfältig wie heute. Der Artikel in der «Süddeutschen» kommt mindestens 20 Jahre zu spät.

Die Debatte wird schon lange geführt

Selbstverständlich gibt es grauenhafte Beispiele, wie bekannte Rapper Frauen misshandelten, verurteilt worden sind oder Schweigegeld bezahlt haben.

Es gibt aber auch die andere Seite. Die Hip-Hop- und Rap-Kultur setzt sich seit Jahren mit Missbrauch auseinander. Sie führt die #MeToo-Debatte schon länger. Hip-Hop ist heute viel reflektierter und erwachsener als noch vor einigen Jahren. Gerade weil das Genre lange Zeit so sexistisch und gewaltverherrlichend war, fand der Umbruch viel früher statt. Bevor Alyssa Milano einen Hashtag lancierte, startete Tarana Burke zehn Jahre früher in Harlem die «Me Too»-Bewegung. Die Bewegung hilft sexuell missbrauchten Frauen in unterprivilegierten Gemeinschaften.

Burke setzte dort eine Bewegung in Gang, wo der Hip Hop auch einen Ursprung hat. Natürlich kommt das nicht von ungefähr. Die Rap-Kultur hat ein grosses Problem mit Frauenfeindlichkeit. Dieses Problem hat aber auch Dancehall, Reggae, Pop, Rock oder Country. Im Gegensatz zu diesen Kulturen gab es aber im Rap schon früh sogenannte «conscious Rapper», Künstler, die sich kritisch mit der Gesellschaft und auch sexuellem Missbrauch auseinandersetzen.

Auch starke Frauenfiguren finden sich in der Geschichte des Rap einige: MC Lyte, Charli Baltimore, Missy Elliott, Lil’ Kim, Foxy Brown und natürlich Lauryn Hill, um nur ein paar ganz wenige zu nennen. Oder aus der jüngeren Geschichte: Lady Leshurr, Little Simz, Sookee, Haiyti, Angel Haze, Princess Nokia und viele mehr. Und dann gibt es noch all die Queer-Rapper. Rap ist definitiv kein abgeschlossenes System mehr!

Schlagzeilen statt Reflexion

Dass die #MeToo-Debatte im Hip Hop nicht in der «Süddeutschen» angekommen ist, mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass das «System Hip Hop» nicht sehr durchlässig ist. Fällt ein Kanye West mal wieder mit misogynen Texten auf, landet er natürlich sofort in den Schlagzeilen, schliesslich verkauft sich das gut. Fordert irgendein zweitklassiger Deutsch-Rapper zur Vergewaltigung von Frauen auf, bringt das Quote. Bessere Rapper mit besseren Texten werden ausserhalb des Systems kaum mehr beachtet.

Der Autor des «Süddeutsche»-Artikels meint: Hip Hop ist ein abgeschlossenes System. Es ist aber auch ein System, das so oft angefeindet, missverstanden, zu unrecht kritisiert und belächelt worden ist, dass es eine Art Selbstkontrolle oder Selbsthilfe entwickelt hat. Es will sich nicht mehr auf Aussenstehende verlassen müssen.

«Den eigenen Schmerz hintenanstellen»

Die Professorin Shanita Hubbard bringt es in einem Essay in der «New York Times» gut auf den Punkt: «Als Minderjährige wurde ich auf dem Schulweg jeden Tag im besten Fall blöd angemacht, im schlimmsten Fall sexuell belästigt. Ich redete mir ein, dass ich nur ein Opfer werden könne, wenn die Peiniger grosse Macht haben. Später merkte ich, dass dies nicht stimmt.»

Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sie auf dem Schulweg belästigten, seien selbst von der Polizei schikaniert worden. Sie seien ebenfalls Opfer gewesen. Die Reaktion aus der Gemeinschaft: Hubbard und andere unterdrückte Frauen sollten sich nicht öffentlich gegen ihre Peiniger aussprechen, solange diese Ungerechtigkeit nicht aus der Welt geschaffen ist. Die Community müsse gegen den gemeinsamen Unterdrücker zusammenhalten.

«Vielleicht ist das ein Grund, wieso sich nicht mehr Frauen aus der Hip-Hop-Community zu sexuellem Missbrauch äussern. Sie wurden konditioniert, still zu sein und ihren Schmerz hintenanzustellen», meint Hubbard.

Hilfe und Selbsthilfe

In einer solchen Umgebung liegt die Selbsthilfe nahe. Wie diese aussehen kann, zeigt zum Beispiel auch die «First Lady of Detroit», Yolanda Whitaker, besser bekannt als Yo-Yo. In den 1990er-Jahren stürmte sie die Rap-Charts, heute betreut sie mit ihrer «Intelligent Black Women Collation» junge Frauen in Los Angeles und berät sie bei ihren Problemen – auch bei sexuellem Missbrauch.

Oder der Rapper Drake, der an einem Konzert in Australien mitbekam, wie eine junge Frau im Publikum begrapscht worden ist, den Song abbrach und dem Typen sagte: «Wenn du nicht aufhörst, Mädels zu begrapschen, dann komme ich runter und mach dich platt! Ich mein es ernst! Wenn du deine Hände nicht bei dir lässt, dann komme ich runter und mach dich fertig!»

Wo sind die Frauen?

Was auffällt, auch am Text in der «Süddeutschen», ist, dass zwar über Frauen im Hip Hop und sexuellen Missbrauch geschrieben und gesprochen wird, die Frauen selbst aber kaum eine Stimme bekommen. Ein positives Beispiel bildet auch hier die Rap-Szene selbst. Das Schweizer Hip-Hop-Portal «Lyrics» führte ein grosses Gespräch mit La Nefera zum Thema. Die #MeToo-Debatte im Hip Hop findet statt. Dass sie nicht lauter und sichtbarer ist, liegt aber nicht (nur) an der Szene, sondern vor allem auch an der Aussenansicht der Journalistinnen und Journalisten, die darüber schreiben.


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