Mit Körper und Seele im Einsatz

Isabelle Kölbl ist Sexualbegleiterin. Sie ermöglicht gehandicapten Männern sexuelle Erlebnisse.
Isabelle Kölbl ist Sexualbegleiterin. Sie ermöglicht gehandicapten Männern sexuelle Erlebnisse. © (TAGBLATT/Ribi)
Sex wird als die schönste Nebensache der Welt beschrieben. Für Isabelle Kölbl ist er zum Hauptberuf geworden. Die Bernerin ist seit über zehn Jahren als Sexualbegleiterin für Männer mit Handicap tätig. Und dieser Beruf macht nicht nur ihre Kunden, sondern auch sie selbst glücklich.

Wer gehandicapt ist, dessen Sexualität verändert sich. Was sich aber meist nicht ändert, ist das Bedürfnis danach. Isabelle Kölbl ist auf diese Dissonanz aufmerksam geworden, als sie als Therapeutin auf einem Reittherapiehof gearbeitet hat. «Ich bin da Menschen mit körperlichen und psychischen Einschränkungen begegnet, und da ist in vielen Gesprächen plötzlich die Frage aufgetaucht: Wohin geht ihr mit eurer Sexualität – könnt ihr sie ausleben?» Von da an sei sie von diesem Thema fasziniert gewesen, erzählt sie. «Ich habe beschlossen, eine solche Dienstleistung anzubieten.»

Ihr Angebot ist mit der Zeit immer bekannter geworden, die Nachfrage hat kontinuierlich zugenommen. Auch von Heimen, Institutionen und Ärzten kommen Anfragen zu ihr. «Das Bedürfnis ist ganz klar da», sagt die 57-Jährige. Während ihrer Ausbildung als Sexualbegleiterin hat sie gelernt, wie man mit unterschiedlichsten Behinderungen richtig umgeht. Inzwischen vermittelt sie auf einer Webseite mit dem Namen «sexcare» auch andere Frauen, die als Sexualbegleiterinnen arbeiten.

«Tiefe Form von Kommunikation»

Seit mittlerweile mehr als zehn Jahren macht Isabelle Kölbl Männer mit einem Handicap glücklich. Als Sexualbegleiterin ist sie speziell geschult und bietet Zärtlichkeiten und Sex in intimer Atmosphäre an. «Der Austausch und das Zusammensein mit Menschen, die ein Handicap haben, ist eine wahnsinnig grosse Bereicherung und sehr intensiv», erzählt sie. «Ich habe schon ganz viele tolle Menschen und schöne Momente erleben können.»

Ihr geht es allerdings um viel mehr als um Sexualität. «Die Oberflächlichkeit ist nicht da. Das Schönste an meinem Job ist die Zusammenarbeit mit Menschen.» Sexualität sei für sie eine tiefere Form von Kommunikation.

Ihr Studio hat sie im Berner Mittelland. Wer sich mit Isabelle Kölbl zu einem intimen Date treffen möchte, kann aber nicht einfach so vorbei kommen. Ihre Gäste sollten zuerst per Mail mit ihr Kontakt aufnehmen. Im Vorfeld evaluiert sie dann ganz genau, ob jemand eine Behinderung hat und ob er sich sexuell eingeschränkt fühlt. Und sie kommuniziert ganz klar, dass ihr Angebot nur für Menschen mit einer psychischen, physischen oder sexuellen Einschränkung da ist.

Kein Beruf wie jeder andere

Isabelle Kölbl möchte sich mit ihrer Tätigkeit prinzipiell für die gleichen Rechte für alle Menschen einsetzen. Dazu gehöre eben auch, dass Menschen mit einem Handicap ihre Sexualität ausleben können. Über Sexualität rede man nicht einfach so, sagt die Bernerin – «genauso wenig wie man über eine Behinderung spricht.» Die Schwelle, über beides zu reden, sei sehr hoch.

Als herkömmliche Sexarbeiterin würde die 57-Jährige nicht arbeiten wollen. «Ich brauche einen tieferen Sinn in dem, was ich mache», sagt sie. «Sex rein als Abwechslung ist nicht das, was ich anbieten möchte.» Dass der Job einer Sexualbegleiterin kein Beruf wie jeder andere ist, darüber ist sich Isabelle Kölbl durchaus bewusst. Etwaige Vorurteile würden aber schnell abgebaut werden, wenn man sie persönlich kennenlerne. «Dann erkennt man, dass ich ein ganz normaler Mensch bin», sagt sie lachend.

Als solcher befindet sie sich auch in einer langjährigen Beziehung. Ihr Partner habe sie von Anfang an bei ihrer neuen beruflichen Ausrichtung als Sexualbegleiterin unterstützt. «Wir haben uns beide darin einleben müssen, aber wir meistern es ganz gut», verrät sie. So könne ihr Partner ebenfalls nicht nachvollziehen, wieso Menschen mit einem Handicap ihre Bedürfnisse nicht ausleben können sollten.

Das Gespräch mit Isabelle Kölbl fand im Rahmen der FM1-Sendung «Gott und d’Wält» statt. Interviewt wurde sie von FM1-Moderator Beni Hofstetter und FM1 Pfarrerin Charlotte Küng. Die Radiobeiträge kann man hier nachhören:

(cla)


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