“Oafach Freud”

“Oafach Freud”
Berta Thurnherr ist eine Diepoldsauerin durch und durch. Seit über 30 Jahren steht sie für ihre Heimat und vor allem für ihren Dialekt ein. Diesen hat sie über Jahre auf Tonbändern dokumentiert. Nun hat die 69-Jährige ihre Sammlung voller historischer Geschichten aus Diepoldsau an das Phonogrammarchiv der Universität Zürich übergeben. So können in Zürich nun die “Tippilzouar Gschichta” intensiv erforscht werden.

„I ha oafach Freud am Dialekt“, sagt Berta Thurnherr über ihre Arbeit. Durch ihre Schwester ist sie in den 80er Jahren auf die Idee gekommen, Gespräche mit älteren Leuten in Diepoldsau zu führen, um den lokalen Dialekt festzuhalten. Entstanden ist ein Tonbandreservoir mit über 50 Kassetten. Damit hat sie ein einzigartiges Geschichtsdokument geschaffen, das durch persönliche Schilderungen nicht nur den Dialekt, sondern auch ein Grenzdorf in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt.

Im Jahre 2010 hat sie ein Buch mit einigen der Episoden veröffentlicht mit dem Titel “As wöart schù wööara – ma tuat wamma kaa”.

Zeitzeugnis mit Hindernissen

Es sind Geschichten wie jene eines Grenzwächters, der während des Zweiten Weltkrieges vielen Juden half, über die Grenze in die Schweiz zu kommen. „Es isch ned so oafach gsi“, beschreibt Thurnherr ihre Arbeit. Die alten Leute hätten manchmal Angst gehabt und dachten, sie wolle Antiquitäten von ihnen abzwacken.

Manchmal hätten Leute auch kurzfristig abgesagt, weil sie misstrauisch wurden. Aber mit denjenigen, mit denen sie die Interviews durchführte, seien nahe Beziehungen entstanden. „Sie hettet am liebsschte viel meh verzellt“.

Diepolsau ist die einzige Gemeinde der Ostschweiz “ennet am Rhii”. Die Eigenart des Dialekts zeichnet sich speziell durch den Einfluss des Vorarlbergs aus, wie die Dialektologin Anja Hesse weiss. Es gibt diverse Wortlautverschiebungen wie beispielsweise „hond“ für haben, oder „Schliatte“ für „Schlitten“. Es gibt aber auch Eigenworte, wie beispielsweise Äärdli (Kartoffeln) oder „Bruschttuach“ (Weste). Der Dialekt Diepoldsaus verwässert sich jedoch stetig.

Frau Thurnherr findet das schade: „Es goht Klangriichtum, es goht Oagenart verlore“, sagt Berta Thurnherr. Früher hätte man die Menschen anhand ihres Dialektes zuordnen können. „Mir koands no, i üüser Generation, aber die nöchschte kond de nüme“, meint sie. Identität gehe so verloren.

Aufnahmen in Zürcher Archiv

Dank ihren Aufnahmen wird man aber auch in Zukunft den Diepoldsauer Dialekt zu Ohren bekommen. Sie hat kürzlich ihre Kassettensammlung dem Phonogramm-Archiv der Universität Zürich übergeben, wo die Tonbänder in mühseliger Arbeit digitalisiert wurden. In Zürich ist man sehr glücklich über diese Gabe. „Die stattliche Sammlung von Frau Thurnherr passt super in unser kleines Archiv“, sagt Dieter Studer-Joho, der Archivleiter.

Auf seine Einladung am Welt-Unesco-Tag des audiovisuellen Erbes hat Frau Thurnherr einen Vortrag über ihre Sammlung gehalten und einige Geschichten aus ihrem Buch vorgetragen. Hat der Programmleiter aus dem Aargau denn überhaupt etwas verstanden?

„Ich würde jetzt einmal behaupten ja, denn ich habe mich mit dem Dialekt auseinander gesetzt. Ich habe auch ihr Buch gelesen. Aber beispielsweise beim Wort„Bruschttuech“ hätte ich gedacht, das wäre ein Halstuch“, sagt Studer-Joho. „Es ist Konzentrationssache. Ganz ohne Vorbereitungen wäre es schwierig. Aber der Zusammenhang klärt meistens auf.“

Direkt ins Herz

Und was sagt Frau Thurnherr dazu, wenn sie in Zürich nicht verstanden wird? „Es isch mr gliich“, sagt sie mit einem Lächeln. „Wenn man es nicht versteht, hat man trotzdem Freude am speziellen Wortklang“, sagt sie. Sie habe auch schon im Vorarlberg Lesungen gehalten, und dort seien zwei Frauen aus Berlin dabei gewesen. „Diä hond gseet: Es isch wunderschöa zum zualosa, es goht a so is Herz, ou wemme nünt verstoht.“

Sprache ist für sie auch in einem anderen Bereich wichtig: Seit fünf Jahren engagiert sie sich für Flüchtlinge und gibt Sprachkurse. Unterrichten tut sie aber nicht auf Diepoldsauerisch.

Eine Lesung von Berta Thurnherr aus dem Jahre 2011.

(lak)


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