Pro & Contra: Abstieg oder Klassenerhalt?

Von Marco Latzer
Im Abstiegskampf: Martin Angha muss mit dem FC St.Gallen weiterhin um den Klassenerhalt zittern. Bild: Keystone
Im Abstiegskampf: Martin Angha muss mit dem FC St.Gallen weiterhin um den Klassenerhalt zittern. Bild: Keystone
Fünf Ligaspiele gilt es für den FC St.Gallen noch zu absolvieren. Die Mannschaft von Joe Zinnbauer ist nach zuletzt schwachen Resultaten wieder voll im Abstiegskampf. Wir haben die Argumente dafür und dagegen auf die Goldwaage gelegt.

Fünf Gründe, weshalb St.Gallen NICHT absteigt:

  • Das Punktepolster. Noch nie ist eine Mannschaft seit Einführung der Super League mit 34 Punkten als Tabellenletzter abgestiegen. Neuchâtel Xamax (2003/04) und auch der FCSG (2007/08) hatten bei ihren Abstiegen zwar 36 bzw. ebenfalls 34 Punkte auf dem Konto, mussten den bitteren Gang aber via Barrage als Zweitletzter der Liga antreten. Diese ist unterdessen abgeschafft worden, weshalb der Vorsprung von derzeit sechs Zählern ausreichen dürfte/könnte/müsste.
  • Keine Spiele gegen Vaduz mehr. Die Liechtensteiner haben in den vier Begegnungen gegen die Grün-Weissen in dieser Saison zehn Punkte eingefahren. Oder anders formuliert: Drei von insgesamt lediglich fünf Siegen resultierten aus Spielen gegen den FC St.Gallen. Wer in 27 Spielen gegen andere Teams nur zweimal gewinnen kann, wird in den letzten Spielen wohl kaum mehr viele Siege einfahren. Insbesondere weil Vaduz im Schlussprogramm nicht mehr auf den FCSG treffen wird.
  • Die Konkurrenz ist noch schlechter. Von allen vier Teams im Abstiegskampf stehen die Espen am besten da. Sie haben mehr Spiele gewonnen (neun) und Punkte eingefahren (34) als die Kontrahenten aus Zürich (30), Vaduz (29) und Lugano (28). Das sollte reichen, auch wenn neben dem FCSG (-28) nur die Ticinesi (-33) ein schlechteres Torverhältnis aufweisen. Ausserdem treffen FCZ, FCV und Lugano in der Schlussphase der Meisterschaft (siehe unten) noch eifrig aufeinander. Man dürfte sich also gegenseitig Punkte abnehmen.
  • Das Schlussprogramm. Dieses ist für den FC St.Gallen zwar happig, allerdings kommt es dabei auch zu einem Aufeinandertreffen mit dem FC Luzern. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Innerschweizer das sind, was die Espen für die Vaduzer sind. Gegen den FCL gewann St.Gallen alle drei bisherigen Affichen. Im Mai schaut die Truppe von Markus Babbel nochmals in der Ostschweiz vorbei, um (hoffentlich) wieder Federn zu lassen.
  • Daniel Lopar. St.Gallen hat weder den besten Sturm noch die beste Defensive der vier Abstiegsaspiranten. Aber St.Gallen hat Lopar und damit auch den besten Torhüter der Liga-Sorgenkinder. Eine verlässliche Torschuss-Statistik wie im Eishockey gibt es im Fussball zwar nicht, statistisch untermauern lassen sich seine Leistungen aber trotzdem: St.Gallen hat mit “Lopi” sieben Mal zu Null gespielt. Beim FCZ stehen zwar ebenfalls sieben Spiele ohne Gegentor zu Buche, allerdings verteilt auf die beiden Hüter Favre (drei) und Brecher (vier). Bei Vaduz bringt es das Duo Jehle/Klaus auf fünf gegentorlose Partien, Lugano mit Hüter Valentini nur auf vier.

Fünf Gründe, weshalb St.Gallen absteigt:

  • Schlechtestes Meisterschaftsviertel. Die Konkurrenz hat in den letzten Spielen auf den FCSG mächtig Boden gut gemacht. Unter Zinnbauer holten die Ostschweizer in den letzten neun Spielen lediglich vier Punkte. Der FCZ machte in dieser Zeit neun Zähler, Vaduz ebenfalls und Lugano immerhin deren sieben.
  • Nervenflattern. Schlechte Nerven sind im Abstiegskampf eine leidige St.Galler Eigenschaft. Zwei Mal kamen die Grün-Weissen in den letzten zehn Jahren in ernsthafte Relegationsgefahr – beide Male stiegen sie ab. 2007/08 via Barrage gegen Bellinzona, 2010/11 als Tabellenletzter mit einem Punkt Rückstand auf Bellinzona und Xamax. Dass das letzte Spiel der Saison auswärts in Lugano stattfindet, stimmt diesbezüglich wenig zuversichtlich.
  • Der schlechteste Sturm. St.Gallen schiesst kaum Tore. Genauer gesagt: 1,1 pro Spiel. Keine Mannschaft der Liga trifft seltener. Inbegriff der Torflaute ist Dzengis Cavusevic. Fast 15 Stunden stand er in dieser Saison als Angreifer auf dem Rasen, traf aber in 21 Auftritten nur ein einziges Mal.  Dabei hat Cavusevic die schlechteren Werte als gefürchtet-bekannte Fehltransfers und Schreckstürmer wie Sandro Calabro oder Mario Frick.
  • Fehlende Leadertypen. Unter Trainer Joe Zinnbauer (seit 24 Spielen in Amt und Würden) ist die Mannschaft zuletzt in den Sinkflug übergegangen. Eine zunächst noch einigermassen solide Truppe, schlitterte in diesem Frühling in die grösste sportliche Krise seit langem. Am Altersdurchschnitt und den jungen Spielern kann es nicht liegen (der FCZ stellt z.B. die jüngere Mannschaft) – viel mehr aber bei den Leistungen der sogenannten Routiniers. Kicker wie Bunjaku oder Mutsch vermögen auf dem Rasen kaum je zu überzeugen und können damit ihrem Führungsanspruch auch nicht gerecht werden. So fehlt es dem FCSG an dringend benötigten Platzhirschen im Abstiegskampf.
  • Keine guten Wintertransfers. Vaduz und Zürich ist es in der Winterpause gelungen, an Qualität zuzulegen. Janjatovic und Sadiku haben die Liechtensteiner stärker gemacht – bei FCZ holt Stürmer Kerschakow regelmässig das Eisen aus dem Feuer. Beim FC St.Gallen bleibt Supertalent Gaudino noch ohne entscheidenden Einfluss – die Verpflichtungen von Leitgeb und Karadeniz müssen bislang als absolute Fehlkäufe eingeschätzt werden. Mit der Folge, dass der FCSG in den letzten Monaten auf die Konkurrenz auch qualitativ an Boden eingebüsst hat.

Das Restprogramm:

Fünf Spiele stehen noch auf dem Programm. Gegen diese Teams müssen die Abstiegskandidaten noch antreten: a = auswärts, h = Heimspiel.

FC St.Gallen: Thun (a), YB (a), Zürich (h), Luzern (h), Lugano (a).

FC Zürich: Basel (a), Lugano (h), St.Gallen (a), Sion (a), Vaduz (h).

FC Vaduz: Luzern (h), Sion (h), Grasshoppers (a), Lugano (h), Zürich (a).

FC Lugano: Grasshoppers (h), Zürich (a), YB (h), Vaduz (a), St.Gallen (h)

Fazit:

Positives und Negatives halten sich beim FC St.Gallen in etwa im Gleichgewicht. Der Vorsprung von sechs Zählern ist derzeit ein (noch) einigermasssen beruhigendes Polster. Die Mannschaft könnte sich schon mit einem Sieg aus eigener Kraft einen wohl ausreichend grossen Vorsprung schaffen. Und Rechenspiele zeigen es: Damit St.Gallen wirklich absteigt, müsste schon verdammt viel in die Hosen gehen.

Falls du die Möglichkeiten selbst abchecken möchtest: HIER findest du einen Tabellenrechner für die letzten Spieltage der Super League.


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