Rinder mussten für Schweizer Chemie-Waffen hinhalten

Rinder mussten für Schweizer Chemie-Waffen hinhalten
© Soldaten der Ersten Grenzschutz-Kompanie der Schweizer Armee ueben die Verwendung von Gasmasken, aufgenommen am 22. April im Kriegsjahr 1940 am Luziensteig, Kanton Graubuenden. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Walter Henggeler)
Bei Versuchen mit Chemiewaffen vergiftet die Schweizer Armee 1940 in Uri und anderen Regionen Tausende von Rindern. Das Militär experimentierte während des Zweiten Weltkriegs mit hochgiftigen Stoffen wie Perchlornaphthalin und Senfgas.

Dass auch die Schweiz ihr eigenes C-Waffem-Programm hatte, ist seit den Recherchen des Historikers Peter Hug im Jahr 1997 bekannt. Jahrzehnte später zeichnet sich erstmals ab, welch fatale Nebenwirkungen die Experimente der Schweizer Armee damals hatten. Und so sah dies laut der “NZZ” damals aus: Die Tiere, die der Urner Kantonstierarzt Anton Stocker am 9. Oktober 1940 auf dem Hof von Rudolf Indergand zu Gesicht bekommt, bieten einen jämmerlichen Anblick. Kühe, Jungstiere und Kälber sind bis auf die Knochen abgemagert. Sie leiden unter ständigem Tränen- und Speichelfluss, die Augen sind entzündet, ihr Fell ist rau und struppig. Bauer Indergand ist überzeugt: Verantwortlich für den schleichenden Tod ist die Schweizer Armee. Drei Wochen zuvor hat nämlich die Nebelkompanie 5 auf seinem Grundstück in Gurtnellen eine Übung abgehalten.

Fast 15’000 verendete Rinder

In der Folge meldeten sich immer mehr Landwirte, deren Tiere “vernebelt” wurden, beim Bund. Betroffen waren vor allem die Kantone Uri, Schwyz und Zug, in vereinzelten Fällen aber auch Fribourg, Bern und Wallis. Die Kriegstechnische Abteilung (KTA) in Bern war zunächst – zumindest in der Öffentlichkeit – davon überzeugt, dass die Rauchpetarden, welche die sogenannten Nebeltruppen im Sommer 1940 in mehreren Kantonen grossflächig abgebrannt haben, für Mensch und Tier harmlos sind. Kurze Zeit später war klar: Sie waren es nicht.
Der Bund sieht sich gezwungen, 14’848 Tiere von kranken Bauern aufzukaufen, 13’962 davon alleine aus dem Kanton Uri. Diese Massnahme kostet 7,6 Millionen Franken, hilft aber nur bedingt. Einige Bauern tauschten in der Folge teils jahrelang ihren kompletten Viehbestand aus, hatten aber immer noch kranke Tiere zu beklagen.

Der Grossteil des “Nebelviehs”, wie es in Uri genannt wird, wird in Brugg AG geschlachtet. Ironie der Geschichte: Hauptabnehmerin des in grossen Teilen zu Konserven verarbeiteten Fleisches ist die Armee.

Geheimes Programm für chemische Waffen

Während dem Zweiten Weltkrieg versucht die Regierung den Giftgas-Skandal um das kranke Vieh so gut es geht geheim zu halten. Die Versuche mit dem angeblich harmlosen Tarnnebel, der aus Perchlornaphthalin besteht, sind nämlich Teil eines geheimen Chemiewaffenprogramms. Ohne Wissen des Bundesrates erteilt der Vorsteher des Militärdepartements, Rudolf Minger, am 2. Februar 1937 seinem Generalstabschef den Auftrag, ein Programm für die aktive chemische Kriegsführung auszuarbeiten. Minger gibt damit dem Drängen der obersten Armeeführung nach, die angesichts der sich zuspitzenden Lage in Europa ein C-Waffen-Programm fordert. Daneben wird auch mit Senfgas experimentiert.

Noch während des Zweiten Weltkriegs gelingt Schweizer Forschern schliesslich die Entwicklung von ungiftigen Nebelkerzen. Die C-Waffen, die davor den grossen Viehbestand dahingerafft hatten, wurden für den Kriegsfall umgehend verboten. Die chemischen Überbleibsel, 75 Tonnen Rauchpatronen, wurden im November 1946 diskret in der Ostsee versenkt. (red)


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