«Man sollte den Zugang vereinfachen»

Eine Lehre soll für beide Seiten passen. Christian Fust hat 2014 seine Lehre als Holzhandwerker mit Fachrichtung Weissküferei mit Freude begonnen.
Eine Lehre soll für beide Seiten passen. Christian Fust hat 2014 seine Lehre als Holzhandwerker mit Fachrichtung Weissküferei mit Freude begonnen. © TAGBLATT/Urs Jaudas
Immer mehr Unternehmen setzen frühzeitig auf eine strenge Selektion und verlangen für ein- oder zweitägige Schnupperlehren eine schriftliche Bewerbung oder Aufnahmeprüfung. Als Konsequenz könnten wirklich interessierte Jugendliche im schlimmsten Fall durchs Raster fallen.

Eine Schnupperlehre ist der beste Weg, um Einblick in einen Berufsalltag zu bekommen. Unverbindlich können Jugendliche herausfinden, ob sie in einen Betrieb passen und umgekehrt. Neuerdings verlangen allerdings viele Firmen formelle Bewerbungsschreiben oder gar Tests, um an eine Schnupperlehre heranzukommen.

Dicht gestaffeltes Programm

«Auch wir verlangen ein Motivationsschreiben, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben», sagt Simon Netzle, Mediensprecher der St.Galler Kantonalbank. «Wir möchten wissen, was Jugendliche dazu bewegt, sich für einen Schnuppertag bei uns zu bewerben.» Grundsätzlich sei es jedem erlaubt, sich zu bewerben. «Wir gestalten den Schnuppertag dann dementsprechend», führt Netzle aus. «Dieser Tag soll für beide Seiten ein Gewinn sein.»

Bei der St.Galler Kantonalbank sei ein Schnuppertag ein ganztägiger Ausbildungblock und kein reines Danebensitzen, betont Netzle. «Wir geben Einblick ins Bankwesen. Da sind auch Lehrlinge dabei. Es handelt sich dabei um ein dicht gestaffeltes Programm, das auch für uns einen gewissen Aufwand bedeutet. Kein klassisches Über-die-Schulter-Schauen.» Etwas niederschwelliger gehe es beim Infotag zu.

Wohlfühlfaktor zählt

Genau diese Informationstage werden von Christian Roth stark kritisiert. Der Orthopädist ist seit Jahren als Ausbildner von jungen Leuten am Zentrum für berufliche Weiterbildung in St.Gallen tätig. Er ist die richtige Ansprechperson, wenn es um Selektionsprozesse der Schnupperlehrgestaltung geht.

«Gerade die Beziehungsebene kann man nicht mit einer Power-Point-Präsentation vermitteln», sagt Roth. «Man sollte spüren, was für Personen hinter einem Beruf stecken, und wie sie das Feuer dafür haben.» Das Entscheidende bestehe darin, die richtigen Leute für das richtige Team zu gewinnen. Er als Ausbildner stehe nicht hinter dem Prozedere der frühen Selektion. «Wenn jemand ein Musikinstrument lernen will, wird auch nicht verlangt, dass man vorklatschen oder vorsingen muss. Ein Betrieb möchte ja einfach erkennen, ob jemand den Zugang zum Fach finden kann.»

Man sollte spüren, wie die Berufswelt ist, meint Christian Roth. «Und sich dafür bewerben zu müssen, ist meiner Ansicht nach eine Katastrophe.» Wenn die Unternehmen ihre Hürden nun von Jahr zu Jahr höher hinauf setzen würden, sei es fraglich, ob die Qualität der künftigen Mitarbeiter dadurch besser werde. «Ich denke eher, dass man den jungen Personen den Zugang vielmehr vereinfachen sollte.» In die Betriebe hineinschauen und sehen, was einen Beruf ausmacht, sei das A und O. «Ist das Team gut, ist der Ausbildner gut, fühlt man sich willkommen, springt der Funke über – das sind die wesentlichen Punkte.»

Freiraum für Entscheidung

Auch Sabine Reinecke, Leiterin der Zentralstelle für Berufsberatung des Kantons St.Gallen, kann dem strengen Selektieren nicht viel abgewinnen. «Lehrbetrieben entgeht mitunter die Chance, Nachwuchs zu finden, der schulisch vielleicht nicht sehr gut war, aber für den Beruf geeignet ist. Und Leistungsfähigkeit, Motivation, Ausdauer und handwerkliches Geschick erkennt man durch Motivationsschreiben oder Auswahlverfahren nicht.» Die Erfahrung einer Schnupperlehre muss ihrer Meinung nach unbedingt erhalten bleiben. «Für die Lehrbetriebe ist sie genauso wichtig wie für die Interessenten.»

Hohe Anforderungen seien nicht das, was Schnuppertage ausmachen solle. «Diese sollen eher noch einen gewissen Freiraum für die Jugendlichen bieten, damit sie sich bestmöglich entscheiden können.» Reineke vermutet hinter der zeitlichen Vorverlagerung der Auswahlverfahren, dass manche Firmen eine zu grosse Auswahl an Interessenten hätten.

Auf Bauchgefühl hören

«Diese ‘Selektionitis’ ist eine grobe Krankheit, die in der Wirtschaft kursiert», vermerkt Christian Roth. Dabei sollten gerade junge Menschen vermehrt auf ihr Herz und Bauchgefühl hören. Sich gegenseitig mit irgendwelchen Papieren zu bombardieren, habe wenig Sinn. «Talente werden dadurch nicht erkannt. Tests und Motivationsschreiben reflektieren nicht die Persönlichkeit – und damit sind alle guten Attribute gemeint, die jemand mitbringt.»

(red.)


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